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"Neugier ist mein Motor"

Mit Beiträgen über den Chemiker Alex Plajer eröffnet die Universität Bayreuth eine neue Porträt‑Reihe über Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. 

Mit einer neuen Kombination aus Kurzvideo und ausführlichem Online‑Porträt stellt die Universität Bayreuth künftig regelmäßig die Menschen hinter der Forschung in den Mittelpunkt. Ziel ist es, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie ihren Themen mehr Sichtbarkeit zu geben – und Wissenschaftskommunikation stärker in der Öffentlichkeit zu verankern. Den Auftakt macht Prof. Dr. Alex Plajer, Polymerchemiker und „Heinz Maier-Leibnitz-Preisträger“. Das Video erscheint auf dem YouTube‑Kanal der Universität Bayreuth. Das nachfolgende Interview führte Gert‑Dieter Meier (Presse/Marketing/Kommunikation, Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation) mit dem Wissenschaftler.

Wenn Sie jemandem im Bus erklären müssten, woran Sie arbeiten – wie würden Sie da anfangen? 
Plajer: Ich würde auf den Sitz klopfen und sagen: Die Schale dieses Sitzes besteht aus Plastik. Plastik besteht aus langen Ketten von Atomen, die sich verhaken und dem Material Stabilität geben. Normalerweise bestehen diese Ketten nur primär aus Kohlenstoff und Wasserstoff. Wir dagegen bauen ungewöhnliche Atomsorten ein – Elemente, die man in Kunststoffen sonst kaum findet.

Warum macht ihr das? 
Plajer: Mich treibt reine Neugier an. Ich habe in einem sehr grundlagenorientierten Forschungsfeld promoviert. Was kann man in der Natur alles finden? Was kann man überhaupt machen? Wenn man sich nicht an einer Anwendung festklammert, hilft das der Kreativität.

Heißt das, das Prinzip „Trial and Error“ gehört zu Ihrem Alltag? 
Plajer: Absolut! Heute Morgen hatte ich im Wartezimmer beim Orthopäden eine Idee und habe sie gleich meinen Studierenden geschrieben. Die Idee hatte sogar super funktioniert… Oft passiert auch etwas völlig anderes als erwartet – und genau das bringt uns weiter.

Mit welchen Elementen arbeiten Sie derzeit? 
Plajer: Mit sehr vielen. Anfangs viel Schwefel, dann Fluor. Jetzt Selen, Phosphor und Zink. Das Periodensystem ist groß. Gold wollen wir demnächst einbauen. Weltweit gibt es nur sehr wenige Gruppen, die Metallpolymere herstellen.

Sie haben einen ERC Starting Grant erhalten. Was war der Kern Ihrer Bewerbung?  Plajer: Ich habe gesagt: Ich möchte eine Kunststoffklasse schaffen, die es noch nicht gibt. Nicht einmal etwas Ähnliches. Wenn das gelingt, verspreche ich mir außergewöhnliche Eigenschaften. Die Jury hält das offenbar für realistisch. Aber die Kernmotivation bleibt: eine völlig neue Klasse von Materie zu schaffen.

Wie anwendungsnah muss Forschung für Fördergeber sein? 
Plajer: Das ist sehr unterschiedlich. Manche wollen klaren gesellschaftlichen Nutzen – etwa bei unserem Projekt zum Recycling von Textilfasern. Andere fördern reine Grundlagenforschung ohne Anwendungsperspektive. Beides ist legitim.

Wie viel Bürokratie steckt in so einem Großprojekt? 
Plajer: Einiges! Bürokratie macht wenig Spaß! Aber sie gehört leider dazu.

Warum ist die Idee, Kunststoffe aus Metallketten zu bauen, so revolutionär? 
Plajer: Weil es das praktisch nicht gibt. Metallopolymere sind ein fast unberührtes Forschungsfeld. Das Rad neu zu erfinden ist schwer – aber hier ist die Landschaft extrem offen.

Was treibt Sie persönlich an? 
Plajer: Neugier. Ich will kreativ sein und verstehen, was möglich ist.

Wie wichtig ist Ihnen Ihr Team? 
Plajer: Ohne mein Team geht gar nichts. Forschung ist Teamarbeit. Wir kochen im Labor, andere messen oder modellieren. Interdisziplinarität macht Spaß und bringt uns weiter.

Gibt es Projekte, bei denen Sie gescheitert sind? 
Plajer: Ständig! „Scheitern“ heißt meist nur: Es passiert etwas anderes als erwartet. Und das „Andere“ ist oft der Startpunkt für neue Projekte.

Sind die Prozesse nicht extrem kompliziert? 
Plajer: Für uns ist vieles Routine, aber man wächst da hinein. Deshalb dauert das Studium mit Promotion etwas länger.

 Wie weit ist denn Ihr aktuelles Projekt? 
Plajer: Es läuft. Ich habe ein konkretes Zielmolekül vor Augen: ein chiral verzwirbeltes Metallopolymer. Wenn wir das schaffen, wäre es großartig. Wenn nicht, entstehen trotzdem spannende Dinge drumherum.

Wie eng arbeiten Sie mit der Industrie zusammen? 
Plajer: In der Polymerchemie grundsätzlich viel. Aber aktuell ist die Industrie zurückhaltend – Kooperationen sind risikoreich in wirtschaftlich unsicheren Zeiten.

Wie bekommt man junge Menschen für Chemie? 
Plajer: Indem wir vermitteln, wie wichtig das Thema für die Zukunft unserer Gesellschaft ist. Wir brauchen dringend Leute, die die grüne Transformation gestalten können. Alles um uns herum ist Chemie. Wer wenn nicht die Chemiker soll denn die nachhaltigen Materialien der Zukunft herstellen?

Wie sind Sie selbst zur Chemie gekommen? 
Plajer: Ich war in Naturwissenschaften gut in der Schule. Meine Eltern kamen aus dem Bereich. Und ja: ich würde meinen Kindern auf jeden Fall empfehlen, eine Naturwissenschaft zu studieren. Man wächst an schwierigen Aufgaben.

 Entsprechen Sie denn dem klassischen Bild eines Chemikers? 
Plajer (lacht): Nein, ganz sicher nicht. Leider steht kein Professor mehr im Labor. Wir denken, planen, organisieren. Und wir kommunizieren.

Sie haben in Ihrem Video Studierenden empfohlen, mehr miteinander zu reden. Warum? 
Plajer: Weil zu viel digitales Leben im Grunde unnatürlich ist. Soziale Interaktion ist wichtig. Ich selbst nutze LinkedIn beruflich, aber privat kaum Social Media.

Welcher Satz von Ihnen sollte man sich einprägend? 
Plajer: Dass Grundlagenforschung ein echtes Privileg ist! Wir dürfen Steuergelder nutzen, um unserer Neugier nachzugehen. Gleichzeitig sollte aber die Gesellschaft wissenschaftliche Fakten ernst nehmen – ob beim Klimawandel oder beim Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren.

Zur Person: Prof. Dr. Alex Plajer

Alex Plajer (32) ist Juniorprofessor für Polymerchemie an der Universität Bayreuth. Seine Forschung verbindet Koordinationschemie, Polymerchemie und Materialwissenschaft. Im Zentrum steht die Entwicklung völlig neuer Klassen von Kunststoffen – insbesondere Polymere, in die ungewöhnliche Atome oder sogar Metallketten eingebaut sind. Für dieses visionäre Konzept erhielt er einen ERC Starting Grant, mit dem er chirale, metallhaltige Polymere erforscht. Seine Arbeitsgruppe arbeitet interdisziplinär, international vernetzt und stark grundlagenorientiert. Plajer steht für eine moderne Wissenschaftskultur, die Kreativität, Teamarbeit und Neugier in den Mittelpunkt stellt.