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Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 079/2026, 01.10.2026

Wie Zellen ihre Identität bewahren: Bayreuther Forschung entschlüsselt, wie RNA-Markierungen die Genaktivität steuern

Wie wird aus einer Stammzelle eine Darmzelle, eine Nervenzelle oder eine Muskelzelle? Und wie behalten diese Zellen über lange Zeit hinweg ihre jeweilige Identität? Forschende der Universität Bayreuth sind dieser Frage einen wichtigen Schritt nähergekommen. In einer jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Nucleic Acids Research veröffentlichten Studie zeigen sie, wie eine weit verbreitete chemische Markierung auf RNA-Molekülen die Stabilität genetischer Information steuert und damit wesentlich dazu beiträgt, dass Zellen ihre spezifischen Eigenschaften bewahren.

Zwei Erstautoren, zwei Aufgaben: Andreas Pittroff (links) übernahm den bioinformatischen Teil der Arbeit, Constantin Höhn (rechts) verantwortete alle Experimente im Labor. Auf dem Bildschirm sind mit dem Binokular vergrößerte Planarien der Spezies S. mediterranea zu sehen, dem Modelorganismus der Studie.

What for?

Die Ergebnisse der Studie liefern wichtige Einblicke in die Frage, wie Zellen ihre Identität bewahren und unterschiedliche Aufgaben im Organismus übernehmen. Obwohl alle Körperzellen dieselbe genetische Information in Form von DNA enthalten, müssen sie dauerhaft unterschiedliche Programme aktivieren, um beispielsweise als Stamm-, Nerven- oder Darmzelle funktionieren zu können. Die Forschenden konnten zeigen, dass chemische Markierungen auf RNA-Molekülen dabei eine wichtige Rolle spielen. So zeigt die Arbeit, dass die zelltypspezifische Steuerung der RNA-Lebensdauer zur Aufrechterhaltung der Zellidentität beiträgt, und liefert damit einen neuen Baustein zum Verständnis von Genregulation und Zellspezialisierung.

Von den Erkenntnissen profitiert zunächst vor allem die Grundlagenforschung. Sie eröffnen neue Perspektiven für die Stammzellforschung, die Regenerationsbiologie und die molekulare Medizin, die sich mit der Entstehung und Aufrechterhaltung unterschiedlicher Zelltypen beschäftigt. Langfristig könnten die Ergebnisse dazu beitragen, Prozesse der Gewebeerneuerung, der Wundheilung und der Regeneration besser zu verstehen. Da chemische Modifikationen der RNA auch bei menschlichen Erkrankungen eine Rolle spielen, liefert die Studie zudem grundlegendes Wissen, auf dem sich künftige biomedizinische Forschung aufbauen lässt.

Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit steht die RNA-Modifikation m6A (N6-Methyladenosin). Sie zählt zu den häufigsten chemischen Veränderungen der Boten-RNA, also jener Moleküle, die die Verbindung zwischen unserer genetischen Information in Form von DNA und der Proteinwelt herstellen. Obwohl bekannt ist, dass m6A zahlreiche biologische Prozesse beeinflusst, war bislang nur unzureichend verstanden, wie die Markierung die Stabilität von RNA-Molekülen und damit die Genaktivität in unterschiedlichen Zelltypen beeinflusst.

Für ihre Untersuchungen nutzte das Forschungsteam den Plattwurm Schmidtea mediterranea. Dieses Tier besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Regeneration: Selbst nach schweren Verletzungen und Amputationen kann es verlorene Körperteile vollständig neu bilden. Dadurch gilt dieser Plattwurm als wichtiges Modellsystem für die Erforschung von Geweberegeneration aus Stammzellen.

Mithilfe modernster Direkt-RNA-Sequenzierung gelang es den Forschenden, einen hochauflösenden Atlas von rund 72.200 m6A-Markierungen im gesamten Transkriptom des Plattwurms zu erstellen. Anschließend untersuchten sie, wie sich diese Markierungen auf die Lebensdauer von RNA-Molekülen in verschiedenen Zelltypen auswirken. Die Ergebnisse waren überraschend: Die gleiche chemische Markierung hat je nach Zelltyp unterschiedliche, teilweise sogar gegensätzliche Funktionen. Während m6A in ausdifferenzierten Körperzellen bestimmte RNA-Moleküle stabilisiert und damit deren Wirkung verlängert, fördert sie in Stammzellen den Abbau m6A-markierter RNA-Moleküle. Die Forschenden schließen daraus, dass m6A wie eine zusätzliche Steuerungsebene der Genregulation wirkt. Sie entscheidet mit darüber, welche genetischen Informationen in einer Zelle verfügbar bleiben und welche schnell entfernt werden. Auf diese Weise trägt die RNA-Markierung dazu bei, die Identität verschiedener Zelltypen aufrechtzuerhalten und die Balance zwischen Stammzellen und spezialisierten Zellen zu sichern.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die gleiche RNA-Markierung in unterschiedlichen Zelltypen sehr verschiedene Funktionen übernehmen kann“, sagt Prof. Dr. Claus-D. Kuhn, Professor für RNA-Biochemie am Medizincampus Oberfranken der Universität Bayreuth und Letztautor der Studie. „Das eröffnet neue Einblicke in die grundlegenden Mechanismen, mit denen Zellen ihre Identität festlegen und erhalten.“

Umgesetzt wurde die Studie von den beiden Erstautoren Constantin Höhn und Andreas Pittroff aus der Arbeitsgruppe RNA-Biochemie am Medizincampus Oberfranken der Universität Bayreuth. Ihre exzellente Arbeit bildet das Fundament der Ergebnisse. Unterstützt wurden sie von Prof. Dr. Lisa Hülsmann vom Bayreuth Center of Ecology and Environmental Research (BayCEER). Die Arbeit entstand zudem in enger Zusammenarbeit mit Forschenden des IBMC (Institut de Biologie Moléculaire et Cellulaire) in Strasbourg.

Originalpublikation: The stability of m6A-marked transcripts is linked to cell identity in planarians, Nucleic Acids Research (2026).

Prof. Dr. Claus-D. Kuhn

Prof. Dr. Claus-D. Kuhn

Professor für RNA-Biochemie

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Dr. Stefan Fehm-Danoglidis

Dr. Stefan Fehm-Danoglidis

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