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Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 039/2026, 19.05.2026

Bayreuther Physiker geben neue Einblicke in Teilchenbewegung

Physiker der Universität Bayreuth haben die sogenannte Geschichtskraft (engl.: history force) auf Teilchen in Flüssigkeiten untersucht. Oft wird sie wegen ihrer schwierigen Berechnung ignoriert, was der Bayreuther Doktorand Frederik Gareis noch als Gymnasiast während eines Schülerforschungsprojektes mit seinem Betreuer feststellte. Über ihre neuen Erkenntnisse zur Geschichtskraft berichten die Forscher im renommierten Fachjournal Physical Review Fluids.

Grafische Darstellung von Wirbeln um ein Teilchen in Flüssigkeit

Wird ein Tröpfchen (Teilchen) in einer Flüssigkeit periodisch wie in der Abbildung auf und ab bewegt, so übt die umgebende Flüssigkeit durch viskose Reibung eine Gegenkraft aus und es breiten sich Wirbel vom Teilchen weg aus.

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Bewegen sich Teilchen wie Luftbläschen, Bakterien oder Mikroplastik in Flüssigkeit, wirkt auf sie eine viskose Reibungskraft. Bei ständiger Bewegung der Teilchen und Flüssigkeit, beispielsweise in einer geschüttelten Flüssigkeit, ist die viskose Reibungskraft größer als bei Teilchen, welche sich mit konstanter Geschwindigkeit relativ zur Flüssigkeit bewegen. Die Ursache ist die sogenannte Basset-Boussinesq Geschichtskraft, die auch von der Vorgeschichte der Teilchenbewegung und von den sich um die Teilchen bildenden Wirbeln abhängt. Die Berechnung dieses „Gedächtnisanteils“ ist rechnerisch aufwendig und wird daher häufig bei Berechnungen von Teilchenbewegungen in Flüssigkeiten ignoriert. Dies kann jedoch zu systematischen Fehlern führen: Teilchen reagieren in Simulationen zu schnell und werden weniger stark gebremst als in der Realität. Mit dem Verständnis der Wirkung der Geschichtskraft lassen sich Vorhersagen zur Ausbreitung, Ablagerung oder Verweildauer von Aerosolen, biologischen Partikeln oder Mikroplastik präzisieren.

Bewegen sich Teilchen in Flüssigkeiten oder Luft, deren Geschwindigkeit sich dabei zeitlich ändert, so wirkt auf die Teilchen neben mehreren Kräften auch die sogenannte Geschichtskraft, die oft übersehen wird. Sie entsteht durch die Wirbelbildung um beschleunigte Teilchen in Flüssigkeiten. Die umgebende Flüssigkeit „merkt“ sich dadurch vorangehende Teilchenbewegungen und wirkt auf die weitere Teilchenbewegung nach.

„Die Geschichtskraft wird häufig ignoriert, weil sie mathematisch kompliziert ist und Berechnungen deutlich aufwendiger macht. Ob so eine Vernachlässigung zu größeren Fehlern bei der Berechnung von Teilchenbewegungen in Flüssigkeiten führt, ist dabei oft gar nicht klar“, sagt Frederik Gareis, Doktorand am Lehrstuhl Theoretische Physik I der Universität Bayreuth und Erstautor der Studie. Daher schlagen Gareis und sein Betreuer während der Zeit als Schülerforscher, Prof. Dr. Walter Zimmermann, nun in ihrer neuen Studie vor, die Bewegung von Teilchen wie Mikroplastik und anderer fester Teilchen, Tröpfchen oder auch Bakterien in einem kontrollierten Experiment mit horizontal geschüttelten Flüssigkeiten zu untersuchen. „Darin werden die Teilchen ständig beschleunigt oder gebremst. Für dieses Experiment machen wir zur Wirkung der Geschichtskraft auf die Teilchenbewegung genaue und experimentell überprüfbare Vorhersagen“, so Zimmermann.  Ein Ergebnis: Theorien ohne die Geschichtskraft überschätzen die Bewegung kleiner Teilchen relativ zur Flüssigkeit teilweise bis zu 60 %.

Außerdem sagen die Forscher vorher, wie man die Wirkung der Geschichtskraft auf Teilchen bereits an der Form bestimmter Messkurven erkennen kann. Damit lassen sich Modelle und Simulationen gezielt überprüfen und Vorhersagen für Anwendungen werden zuverlässiger. Des Weiteren erklären Gareis und Zimmermann im Einzelnen, wie sich um die beschleunigten Teilchen Wirbel bilden und dies zur Geschichtskraft führt.

„Unsere Ergebnisse erlauben nun Abschätzungen, wann die Geschichtskraft bei der Berechnung von Teilchenbewegungen in Strömungen in Natur und Technik nicht vernachlässigt werden sollte“, sagt Gareis.

Bemerkenswert ist die Entstehungsgeschichte dieser Forschung. Frederik Gareis war noch Gymnasiast, als er in einem Schülerforschungsprojekt für einen internationalen Schülerwettbewerb die Bewegung von Luftbläschen in geschütteltem Wasser am TAO-Schülerforschungszentrum an der Universität Bayreuth untersuchte. Als er seine experimentellen Ergebnisse mit Theorien aus der Literatur vergleichen wollte, stellte er mit seinem Betreuer Professor Zimmermann fest: Die Theorien zu Gasbläschen in geschüttelten Flüssigkeiten ignorieren die Geschichtskraft. Das war der Startpunkt für dieses Forschungsprojekt, das Frederik parallel zu seinem Physikstudium an der Universität durchführte und nun publizierte.

Originalpublikation: Impact of the history force on the motion of droplets in shaken liquids, Frederik R. Gareis und Walter Zimmermann, Physical Review Fluids (2026)

DOI: https://doi.org/10.1103/y1zd-lpyw

Prof. Dr. Walter Zimmermann

Prof. Dr. Walter Zimmermann

Koordinator des TAO-Schülerforschungszentrums
WE Heraeus-Seniorprofessur
Theoretische Physik

Telefon: 0921 / 55-3181
E-Mail: walter.zimmermann@uni-bayreuth.de

Theresa Hübner

Theresa Hübner

Stellv. Pressesprecherin
Universität Bayreuth

Telefon: 0921 / 55-5357
E-Mail: theresa.huebner@uni-bayreuth.de