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Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 176/2023 vom 20.12.2023  

Studie deckt größtes vom Menschen verursachtes Vogelsterben auf

Unter Beteiligung des Bayreuther Ökologen Prof. Dr. Manuel Steinbauer hat ein internationales Forscherteam herausgefunden, dass der Mensch bisher über 1.400 Vogelarten ausgerottet hat. Damit belegt das Team das größte, vom Menschen verursachte Wirbeltiersterben der Geschichte. Die Auswirkungen auf die anhaltende Krise der Artenvielfalt sind noch nicht absehbar.

Ausgestorben: der Risenalk. Der Seevogel war bis zu 85 Zentimeter groß, flugunfähig und offenbar Nahrung für Seefahrer.

Viele Inseln der Welt waren früher Hotspots der Evolution mit einzigartiger, unberührter Natur. Aber die Ansiedlung von Menschen an Orten wie den Kanarischen Inseln, Tonga und den Azoren führte im Laufe der Zeit zu weitreichenden Auswirkungen, darunter Abholzung, Überjagung und die Einführung invasiver Arten. Infolgedessen wurden etliche Vogelarten ausgerottet. Während das Aussterben vieler Vögel seit dem Jahr 1500 dokumentiert ist, beruht unser Wissen über das Schicksal der Arten vor dieser Zeit auf Fossilien. Doch solche Versteinerungen sind kaum verfügbar, da sich leichte Vogelknochen mit der Zeit zersetzen. Dadurch ist das wahre Ausmaß des weltweiten, durch den Menschen bedingte Aussterben nur schlecht erkennbar.

Das internationale Forscherteam nutzte erstmals statistische Modelle, um die „wahre“ Anzahl an bisher unbekannten Vogelarten abzuschätzen, welche seit dem Spätpleistozän vor etwa 130.000 Jahren durch den Menschen ausgerottet wurden. Das Studienteam stützte sich bei seinen Modellen auf Informationen zu bekannten Aussterbefälle und den Umfang der Forschungsarbeiten in speziellen Regionen. Denn: Je weniger Forschung in einer Region durchgeführt wurden, desto unvollständiger ist der Fossilnachweis, und desto größer ist die Zahl der ausgestorbenen Arten, die unentdeckt geblieben sind.

„Bisher wussten wir aus Beobachtungen und Fossilien, dass durch den Menschen 640 Vogelarten ausgestorben sind - 90 Prozent davon auf Inseln“, sagt Prof. Dr. Manuel Steinbauer. Das Spektrum reicht vom ikonischen Dodo auf Mauritius über den großen Auk im Nordatlantik bis hin zum weniger bekannten St. Helena-Riesenhopf. „Aufgrund der Modellergebnisse schätzen wir jedoch, dass die tatsächliche Zahl etwas mehr als doppelt so hoch ist“, erklärt der Bayreuther Ökologe, welcher maßgeblich an der Entwicklung der Forschungsmethodik beteiligt war. Er und seine Kollegen sprechen von 1.430 ausgestorbene Arten, das entspricht etwa 11 % aller Vogelarten, so dass heute nur noch knapp 11.000 übrig sind.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ihre Studie das größte vom Menschen verursachte Aussterben von Wirbeltieren in der Geschichte aufgedeckt hat. Neben den Auswirkungen der globalen Seefahrt im 14. Jahrhundert werden größere Aussterbewellen vor allem durch die Ankunft des Menschen auf den pazifischen und atlantischen Inseln vor dreitausend Jahren verursacht.

Dr. Rob Cooke, ein ökologischer Modellierer am UK Centre for Ecology & Hydrology, leitete die Studie, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurde. Er sagt: "Unsere Studie zeigt, dass der Einfluss des Menschen auf die Vogelvielfalt weitaus größer war als bisher angenommen. Der Mensch hat die Vogelpopulationen durch die Zerstörung von Lebensräumen, Raubbau und die Einführung von Ratten, Schweinen und Hunden, die die Nester der Vögel überfielen und mit ihnen um Nahrung konkurrierten, rasch zerstört. Wir zeigen, dass viele Arten vor der schriftlichen Aufzeichnung ausgestorben sind und keine Spuren hinterlassen haben, also aus der Naturgeschichte getilgt sind.“

Prof. Dr. Manuel Steinbauer von der Universität Bayreuth, einer der Mitautoren der Studie, hebt die Bedeutung der Fossilien für das Verständnis von Aussterbeprozessen hervor. „Diese ermöglichen uns einen Blick in die Vergangenheit. Leider zeigt sich, dass die Ankunft des Menschen, unabhängig von kulturellem oder technologischem Hintergrund, auf Inseln fatale Auswirkungen auf ökologische Systeme hatte. Vor dem Hintergrund des aktuellen Artensterbens ist es für uns jetzt wichtig zu verstehen, wie sich der Verlust einer Art und der damit verbundene Verlust einer ökologischen Funktion auf die Wechselwirkung in ökologischen Systemen auswirkt.“

Denn das Vogelsterben dauert an: Die Forscher*innen verweisen auf das aktuelle, sich fortsetzende Aussterben, das schon Mitte des 18. Jahrhunderts begann. Seitdem sind Vögel neben der zunehmenden Abholzung und der Ausbreitung invasiver Arten auch den vom Menschen verursachten Bedrohungen durch Klimawandel, intensive Landwirtschaft und Umweltverschmutzung ausgesetzt. Aus den Daten der International Union for Conservation of Nature (IUCN) lässt sich ableiten, dass wir in den nächsten hundert Jahren bis zu 700 weitere Vogelarten verlieren. Das kann fatale Auswirkungen haben: „Ein Aussterben hat immer auch Auswirkungen auf das ganze Ökosysteme“, erklärt Steinbauer. Viele Arten haben Schlüsselfunktionen, bei Vögeln etwa die Verbreitung von Samen, die Kontrolle von Insektenpopulationen oder die Bestäubung von Pflanzen.

Die Studie:

Cooke, R., Sayol, F., Andermann, T. et al. Undiscovered bird extinctions obscure the true magnitude of human-driven extinction waves. Nat Commun 14, 8116 (2023). https://doi.org/10.1038/s41467-023-43445-2

Themenverwandte Arbeiten aus der Arbeitsgruppe:

An der Studie waren Wissenschaftler der Universität Göteborg, des Gothenburg Global Biodiversity Centre, des Centre for Ecological Research and Forestry Applications (CREAF), der Universität Uppsala in Schweden, des University College London, der Zoological Society of London (ZSL), der Royal Botanic Gardens Kew, der Universität Oxford und der Universität Bayreuth beteiligt.

Prof. Dr. Manuel Steinbauer

Prof. Dr. Manuel Steinbauer

Sportökologie
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