Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 061/2026, 06.08.2026
Neue Studie beleuchtet De-facto-Staat in Ostkongo
Ein kongolesisch-deutsches Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Bayreuth hat die Herrschaftspraxis der Rebellenbewegung AFC/M23 in der ostkongolesischen Stadt Goma untersucht. Die Forschenden zeigen, wie die Rebellenbewegung seit Einnahme der Stadt im Januar 2025 schrittweise Verwaltungs-, Sicherheits-, Steuer- und Versorgungsstrukturen und damit einen „De-facto-Staat“ aufgebaut hat. Die Studie liefert damit wichtige Erkenntnisse für humanitäre Organisationen, internationale Institutionen und politische Entscheidungstragende.

Stadtreinigung von Rebellen und Zivilgesellschaft in Goma. © Martin Doevenspeck
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Wie verändert sich das Leben der Menschen, wenn eine bewaffnete Gruppe dauerhaft die Kontrolle über eine Millionenstadt übernimmt? Am Beispiel von Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo zeigt die Studie, dass Konflikte nicht nur durch Kämpfe geprägt sind, sondern dass neue Formen von Verwaltung, Sicherheit, Besteuerung und öffentlicher Versorgung entstehen. Ziel der Forschung ist es zu verstehen, wie solche De-facto-Herrschaft funktioniert und welche Auswirkungen sie auf den Alltag der Bevölkerung hat. Dieses Wissen ist wichtig für humanitäre Organisationen, internationale Institutionen und politische Entscheidungsträger, die in Konfliktgebieten tätig sind oder Friedensprozesse begleiten. Die Ergebnisse tragen dazu bei, die komplexen Realitäten in Kriegsgebieten besser zu verstehen und politische sowie humanitäre Maßnahmen stärker an den tatsächlichen Lebensbedingungen der Menschen vor Ort auszurichten.
Die Studie basiert auf einer dreimonatigen qualitativen Untersuchung mit 98 Interviewpartnerinnen und -partnern aus Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Religionsgemeinschaften, Medien und Wissenschaft. „Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Rebellenbewegung die von ihr kontrollierten Gebiete verwaltet und wie die Bevölkerung diese Form der Herrschaft wahrnimmt“, sagt Martin Doevenspeck, Professor für Politische Geographie an der Universität Bayreuth.
Den Befragungen zufolge hat die Rebellenbewegung Allianz Fleuve Congo (AFC)/M23 ein umfassendes System territorialer Kontrolle etabliert. Dazu gehören Sicherheitsstrukturen aus Polizei, Militär und Nachrichtendiensten, lokale Verwaltungsstrukturen, Steuer- und Abgabesysteme, Grenz- und Migrationskontrollen sowie Einrichtungen zur Streitbeilegung. „Was wir in Goma beobachten können, ist ein Prozess der Institutionalisierung, der über reine militärische Kontrolle hinausgeht und Elemente eines ‚De-facto-Staates‘ erkennen lässt“, so Doevenspeck.
Die große Mehrheit der Befragten berichtet von einem deutlichen Rückgang der vor der Ankunft der Rebellen weit verbreiteten Raubüberfällen, Morde und Entführungen. Gleichzeitig verweist die Studie auf anhaltende Sorgen hinsichtlich willkürlicher Festnahmen, Menschenrechtsverletzungen und eines Klimas politischer Einschüchterung.
Im wirtschaftlichen Sektor zeichnet die Studie ein gemischtes Bild: Während AFC/M23 ein eigenes Steuer- und Abgabensystem aufgebaut und den grenzüberschreitenden Handel mit Ruanda erleichtert hat, belasten die anhaltenden Konflikte die regionale Wirtschaft erheblich. Die Schließung des Flughafens von Goma, Einschränkungen im Bankensektor sowie die Unsicherheit in wichtigen Landwirtschafts- und Bergbaugebieten wirken sich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung aus.
Bei öffentlichen Dienstleistungen reguliert die Rebellenbewegung Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen, Wasser- und Stromversorgung sowie Stadtreinigung. Insbesondere Verbesserungen bei der öffentlichen Sicherheit, der Müllentsorgung und der Energieversorgung werden von Teilen der Bevölkerung positiv bewertet. Gleichzeitig fehlen langfristige Investitionen in Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie liegt auf den Strategien zur politischen Legitimation. Demnach versucht die Bewegung, ihre Herrschaft durch öffentliche Versammlungen, Medienarbeit, soziale Netzwerke sowie den Dialog mit religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu legitimieren. Dennoch bleibt ihre Herrschaft auch in der Bevölkerung von Goma umstritten: Während einige Befragte die Bewegung als Alternative einer als schwach wahrgenommenen staatlichen Verwaltung sehen, betrachten andere AFC/M23 als Besatzung.
„Unsere Studie zeigt, dass AFC/M23 in Goma zentrale staatliche Funktionen übernommen hat und damit eine Form faktischer Souveränität ausübt. Gleichzeitig bleibt die politische Zukunft der Region offen. Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich vom Verlauf der Friedensverhandlungen und der Dynamik des Konflikts in der Region ab“, sagt Doevenspeck.
Die Studie entstand in einer Zusammenarbeit aus dem Pole Institute in Goma, dem Centre de Recherches et d’Études sur les Conflits et la Paix dans la Région des Grands Lacs (CRECOPAX-GL) und der Universität Bayreuth.
Originalpublikation: Kaganda Mulume-Oderhwa, Nene Morisho, Martin Doevenspeck (2026) Institute Processus d’institutionnalisation des territoires sous l’AFC/M23 à Goma - Est de la République Démocratique du Congo. Dossiers. Pole Institute, Goma.
https://pole-institute.org/publication/processus-dinstitutionnalisation-des-territoires-sous-lafc-m23-a-goma-est-de-la-republique-democratique-du-congo/

Prof. Dr. Martin DoevenspeckPolitische Geographie
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E-Mail: doevenspeck@uni-bayreuth.de

Theresa HübnerStellv. Pressesprecherin
Universität Bayreuth
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