Your browser is outdated. We recommend an update or using another browser to visit our website.

Ihr Browser ist veraltet. Wir empfehlen Ihnen ein Update oder einen anderen Browser zum Besuch unserer Website.
 

Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 121/2022 vom 26.07.2022

Studie zu Subsahara-Afrika: Geringere Chancen auf individuellen Wohlstand in küstenfernen Regionen

Je weiter Menschen in Subsahara-Afrika von der Küste entfernt leben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines vergleichsweise niedrigen Lebensstandards. Zu diesem Ergebnis kommen Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bayreuth in einer Studie zu 17 afrikanischen Küstenländern, die in der „Review of Development Economics“ erschienen ist. Die Nähe zu den Häfen zieht Menschen mit einem höheren Wissens- und Bildungsniveau an, fördert das Wachstum von Städten sowie den Ausbau von Infrastruktur und lässt dadurch den Wohlstand steigen. Um ähnliche Lebensstandards erreichen zu können, müssten in küstenfernen Regionen Afrikas geographisch bedingte Nachteile durch gezielte Maßnahmen ausgleichen werden, was oft nicht geschieht.

Die Studie stützt sich auf Daten, die sich auf 128.609 Personen in 11.261 Orten in 17 afrikanischen Küstenländern südlich der Sahara beziehen. Insgesamt decken die Daten einen Zeitraum von 20 Jahren ab. Die Auswertung ergibt einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Entfernung von der Küste und dem Lebensstandard privater Haushalte. Je näher die Menschen an den Häfen siedeln, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Radio- und Fernsehgeräte und Kraftfahrzeuge besitzen. Je weiter entfernt sie von den Küsten leben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Voll- oder Teilzeitbeschäftigung haben. Auch die Knappheit von Geld, Medikamenten, Lebensmitteln und Wasser nimmt mit wachsender Entfernung von den Küsten zu.

Blick auf die Küste von Kapstadt, im Hintergrund der Tafelberg. Foto: iStock.

„Bisher gab es in der entwicklungsökonomischen Forschung Hinweise darauf, dass Häfen als nationale und internationale Handelszentren den Lebensstandard im unmittelbar benachbarten Binnenland positiv beeinflussen und dass weiter entfernte Regionen deutlich weniger von diesen Vorteilen profitieren können. Wir haben dazu auch in anderen Forschungsarbeiten neue Erkenntnisse beigetragen. In unserer aktuellen Studie aber haben wir erstmals signifikante Zusammenhänge zwischen dem individuellen Wohlstand der Menschen und ihrer Entfernung von den Küsten nachweisen können. Faktoren, die dabei eine zentrale Rolle spielen und durch die Nähe zu den Häfen signifikant gestärkt werden, sind Bildung und Wissen, Urbanisierung und Infrastruktur“, sagt Prof. Dr. David Stadelmann, Professor für Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Entwicklung an der Universität Bayreuth.

Mit statistischen Berechnungen ist es ihm und seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Frederik Wild gelungen, die Auswirkungen der Küstennähe auf den Wohlstand der Bevölkerung klar von dem Einfluss anderer wohlstandsrelevanter Faktoren abzugrenzen. Hierzu zählen beispielsweise das Klima und extreme Wetterereignisse, der Zugang der Menschen zu Flüssen und Seen, die Fruchtbarkeit von Ackerland, die Gefährdung durch Malaria oder auch landschaftliche Besonderheiten, die den Personen- und Güterverkehr fördern oder behindern. Auch die Auswirkungen demografischer Gegebenheiten wie die Alterstruktur der Bevölkerung, die Siedlungsdichte und die Nähe zu größeren Städten wurden berücksichtigt.

Die beiden Autoren haben Daten von Umfragen einbezogen, die vom panafrikanischen Meinungsforschungsinstitut „Afrobarometer“ durchgeführt wurden. Darin wurde unter anderem auch nach der Einschätzung von Organisationen gefragt, die der überregionalen wirtschaftlichen Integration dienen. „Menschen in Subsahara-Afrika, die weiter von den Küsten entfernt sind, neigen stärker dazu, ihre jeweiligen regionalen Wirtschaftsgemeinschaften – die Regional Economic Communities – oder auch die Afrikanische Union insgesamt als hilfreich für ihr Land zu bezeichnen. Darin drückt sich die Erwartung aus, dass regionale Wirtschaftsintegration dazu beitragen kann, den Handel in küstenfernen und insofern benachteiligten Regionen zu stärken“, sagt Frederik Wild, der sich im Rahmen eines Forschungsprojekts im Exzellenzcluster „Africa Multiple“ der Universität Bayreuth mit Handelsintegration in Afrika befasst.

Die Bayreuther Entwicklungsökonomen betonen, dass eine weite Entfernung von den Küsten keineswegs schicksalhaft einen geringeren Wohlstand der Menschen bewirkt. „Unsere Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, dass auch gute Regierungsführung den Lebensstandard der Bevölkerung erheblich beeinflusst. Politisch Verantwortliche auf nationaler und regionaler Ebene könnten beispielsweise durch eine gezielte Stärkung des Zugangs zu Bildungseinrichtungen, den Ausbau von Infrastruktur, vorteilhafte Investitionsbedingungen und die Eindämmung von Korruption die ökonomischen Nachteile ausgleichen, die durch ungünstige geographische Faktoren bedingt sind“, erklärt Stadelmann.

Veröffentlichung:
Frederik Wild, David Stadelmann: Coastal proximity and individual living standards: Econometric evidence from georeferenced household surveys in sub-Saharan Africa. Review of Development Economics (2022), Early View (open access). DOI: https://doi.org/10.1111/rode.12901 - Die zugrunde liegenden Daten sind veröffentlicht unter: https://dx.doi.org/10.6084/m9.figshare.19638705.v1

Portrait David Stadelmann

Prof. Dr. David Stadelmann

Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Entwicklung
Universität Bayreuth

Christian Wißler, Wissenschaftskommunikation

Christian Wißler

Stellv. Pressesprecher, Wissenschaftskommunikation
Universität Bayreuth

Telefon: +49 (0)921 / 55-5356
E-Mail: christian.wissler@uni-bayreuth.de