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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - Festakt an der Universität Bayreuth

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Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 102/2021 vom 20. Juli 2021

Stadt, Universität und Israelitische Kultusgemeinde Bayreuth bereichern gemeinsam das Erinnerungsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ mit  zahlreichen Veranstaltungen  und Aktionen. Der Höhepunkt der von der Universität Bayreuth veranstalteten Formate war die Zentralveranstaltung am 19. Juli 2021 an der Universität. Zu Gast waren unter anderem Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister a.D., MdL, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, die Generalkonsulin des Staates Israel, Sandra Simovich, sowie Bayreuths Oberbürgermeister Thomas Ebersberger und Felix Gothart, Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion iconZoomOverlay

Nachweislich seit 1700 Jahren leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands Juden. „In unserer Region können wir an eine reiche und lebendige Tradition anknüpfen“, betont Universitätspräsident Prof. Dr. Stefan Leible. „Wir als Universität Bayreuth verstehen es als unsere Aufgabe, den Bürgerinnen und Bürgern wissenschaftlich fundierte Angebote zu machen, sich mit dieser Tradition auseinanderzusetzen.“ Deshalb bietet die Universität Bayreuth eine Reihe von öffentlichen Vorträgen und weitere Vermittlungsformate zum Gedenkjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ an. Höhepunkt war der zentrale Festakt an der Universität am 19. Juli 2021.

Unser Bild zeigt v.l.: Dr. Ludwig Spaenle, Felix Gothart, Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger, Sandra Simovich, die Generalkonsulin des Staates Israel,  Prof. Dr. Alice Pinheiro Walla, Professur für Politische Philosophie und Prof. Dr. Kristin Skottki, Juniorprofessur für Mittelalterliche Geschichte (beide Universität Bayreuth).

Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister a.D., MdL, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus iconZoomOverlay

„Das Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, das wir 2021 begehen können, bietet die einmalige Chance, Jüdinnen und Juden in der Vergangenheit und Gegenwart neu in den Blick zu nehmen. Es freut mich umso mehr, dass die Universität Bayreuth sich der Thematik intensiv widmet", sagte Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister a.D., MdL, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, in seinem Beitrag. Er fügte an: "Gerade in Franken haben Jüdinnen und Juden über Jahrhunderte eine wichtige Rolle gespielt, bis die Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn die Menschen jüdischen Glaubens ausgegrenzt, deportiert und fabrikmäßig ermordet haben. Bayreuth hat heute wieder eine sehr lebendige Israelitische Kultusgemeinde, die hohes Ansehen in Bayern und in Deutschland genießt.“

Ein Beispiel für zeitgemäße und lebendige "Erinnerungsarbeit" in Bayreuth ist die mit Studierenden der Universität Bayreuth entwickelte App zum Jüdischen Leben in der Stadt. Im Rahmen der Zentralveranstaltung wurde der Öffentlichkeit eine Vorschau auf erste Inhalte geboten. 

Universitätspräsident Stefan Leibl eund die Generalkonsulin des Staates Israel, Sandra Simovich iconZoomOverlay

"Mitten im Leben - jüdisch-deutsche Vielfalt damals und heute" war das Thema einer Podiumsdiskussion beim Festakt. Rege diskutierten Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister a.D., MdL, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, die Generalkonsulin des Staates Israel, Sandra Simovich, Felix Gothart, Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth, Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger, Universität Haifa, Prof. Dr. Alice Pinheiro Walla, Professur für Politische Philosophie und Prof. Dr. Kristin Skottki, Juniorprofessur für Mittelalterliche Geschichte (beide Universität Bayreuth).

Einen nach eigenen Worten „frischen und unorthodoxen Blick“ auf das kulturelle Gedächtnis und eine  „Pflicht zur Erinnerung“ ermöglichte Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa unter dem Titel "Putting Life Before Death: The Moral Art of Imagining Living People, Past and Present" („Das Leben vor den Tod stellen: Die moralische Kunst, sich lebende Menschen vorzustellen, Vergangenheit und Gegenwart“).


Ein Interview mit der Festrednerin:

Fania Oz-Salzberger iconZoomOverlay

UBT: Sie haben gerade die Universität Bayreuth besucht. Wie erleben Sie die jungen Menschen in Deutschland aus der Perspektive einer israelischen Historikerin

Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger: Ich hatte das Glück, Bayreuth nun schon zum zweiten Mal zu besuchen. Es ist ein sehr ergreifender Ort für mich. In den letzten dreißig Jahren habe ich viele Teile Deutschlands besucht, zahlreiche Gastvorlesungen und Kurse an etwa einem Dutzend Universitäten gehalten und längere Zeit sowohl in Berlin als auch in München verbracht. Meine deutschen Studenten und andere junge Menschen, die ich getroffen habe, waren fast ausnahmslos gut über die jüdisch-deutsche Vergangenheit informiert. Ich war beeindruckt von ihrer kulturellen und persönlichen Sensibilität. Auf der anderen Seite bin ich mir sehr bewusst, dass viele andere junge Deutsche, mit unterschiedlichem Hintergrund, nicht die humanistische Bildung erhalten haben, die bei den jungen Akademikern, die ich getroffen habe, so offensichtlich war. Ich befürchte, dass die Kluft zwischen Humanisten und Nicht-Humanisten, Nicht-Liberalen in Ihrem Land wächst, und ich kenne diese Kluft auch in Israel nur allzu gut. Um es etwas schärfer zu formulieren: Der Rassismus und Antisemitismus auf der Straße ist eine greifbare Gefahr für die hervorragende moralische Aufgabe, der die Bundesrepublik sich verpflichtet hat. Und noch unverblümter, aus meiner parallelen israelischen Erfahrung gesprochen: Die akademische Welt ist zu weit von der Gesellschaft entfernt, zu unnahbar in ihrer eigenen hehren Weltsicht.

Sie sprachen von "moralischer Kunst" in der Erinnerung. Wie ist das zu verstehen? Auch als eine "moralische Pflicht"?

In dem Vortrag räume ich ein, dass "moralische Kunst" eine seltsame und viel diskutierte Verbindung ist. Die Debatte, ob Kunst überhaupt moralisch sein sollte, geht auf die deutsche Aufklärung zurück. Mein Vater, ein Romancier und politischer Aktivist, hat mich gelehrt, dass Literatur und Politik sich voneinander fernhalten und sich nicht in die Angelegenheiten des jeweils anderen einmischen sollten; aber es gibt eine Ausnahme. Diese Ausnahme ist die Notwendigkeit, einzelne Menschen und einzelne Geschichten genau zu betrachten. Die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, das Talent der Imagination, ist ein Geschenk, das die Literatur der politischen Sphäre geben kann. Ich spreche von der Kunst, sich das Leben anderer Menschen vorzustellen - anderer Menschen, fremder Menschen und solcher, die entweder geografisch oder historisch weit von uns entfernt leben. Ja, sich den anderen vorzustellen, ist eine Kunst, und wir können sie nicht als Pflicht auferlegen, aber es ist eine sehr lehrbare Kunst. Wenn Männer lernen könnten, sich vorzustellen, eine Frau zu sein, oder Juden mehr in der Lage wären, sich vorzustellen, Moslems zu sein, oder Deutsche sich vorstellen, Juden zu sein - die politische Welt wäre eine bessere. Das gilt für die Art und Weise, wie wir uns an Menschen erinnern, die in der Vergangenheit gelebt haben, und nicht weniger, wenn wir an Menschen denken, die als völlig Fremde neben uns leben.

Fania Oz-Salzberger bei der Keynote iconZoomOverlay

Wenn wir über Erinnerungskultur sprechen: Welche Rolle hat Bayreuth?

Ich könnte antworten, dass Bayreuth ein dunkler Ort in der jüdischen Erinnerung ist, und es ist eine richtige Antwort. Ich könnte über den Wagner-Streit und den Platz der Juden in der Wagner-Szene sprechen. Aber die moralische Vorstellungskunst sollte uns weiter bringen als das. Ich könnte zum Beispiel von den jüdisch-deutschen Flüchtlingen und Überlebenden sprechen, die in den 1950er und 1960er Jahren zu Hause still und heimlich Aufnahmen von Wagners Opern hörten. Er war ein Teil des Deutschlands, das sie verloren haben. Wir müssen uns ihre Gefühle vorstellen. Sehen Sie, wenn man zu den Geschichten von Individuen vordringt, stößt man auf subtilere Komplexitäten. Die Erinnerungskultur darf sich nicht auf die großen Namen, die berühmten Instanzen, die doktrinären Formeln verlassen. Und hier ist meine eigene kleine Erinnerung: Als ich Studentin in Oxford war, hatte ich einen deutschen Freund aus einem kleinen Dorf in Bayern. Er spielte mir Wagner auf seinem Grammophon vor, ohne mir den Namen des Komponisten zu nennen, und ich, ohne Wagner aufgewachsen, war von der Musik gefangen. Andererseits war ich für meinen deutschen Freund die erste Jüdin, die er je getroffen hat, was absolut schockierend war. Solche menschlichen Geschichten, und tausend andere, sollten in unsere Erinnerungskultur eingehen. Sonst bleiben uns nur Moses Mendelssohn und Albert Einstein und Hannah Arendt, aber die großen Namen allein können junge Menschen nicht mehr faszinieren. Die Geschichte selbst hat sich verändert, und das kulturelle Gedächtnis sollte sich mit ihr verändern. 

Wie lässt sich jüdisches Leben in Deutschland nicht auf den Holocaust verengen? Hat das Gedenkjahr dies erreicht?

Jüdisches Leben in Deutschland früher oder heute? Wenn es um die Zeit vor dem Nationalsozialismus geht, fordere ich seit zwei Jahrzehnten, damit anzufangen, sich an die Lebenden zu erinnern und daran, wie sie gelebt haben, nicht nur an die Toten und wie sie gestorben sind. Ich erinnere mich an das, was mein Vater mir sagte, als wir das von Daniel Liebeskind entworfene Gebäude für das Jüdische Museum in Berlin besichtigten. Es war im Jahr 1999 und das Gebäude war fast fertig, aber noch leer von Exponaten. Mein Vater sagte, dass es ein schönes Stück moderner Architektur ist, aber es ähnelt einem außerirdischen Raumschiff aus dem Weltall, das in Berlin eine Bruchlandung gemacht hat. Als ob die deutschen Juden schon immer Fremde vom Mars gewesen wären. Ich stimme meinem Vater zu: Ein wichtiger Punkt wurde übersehen. Die deutschen Juden waren jahrhundertelang Deutsche. Die meiste Zeit waren sie sehr niedere Deutsche, zerbrechliche Deutsche, ungeliebte Deutsche, und sie liebten ihre Heimat, Hunderttausende von obskuren jüdischen Leben wurden über Generationen hinweg in deutschen Städten und Dörfern gelebt. Alltägliche Leben und Hoffnungen und Träume. Nur wenn wir uns an sie erinnern oder sie uns zumindest vorstellen, können wir den Holocaust besiegen und über Hitler triumphieren. Was die Juden in Deutschland in der heutigen Zeit betrifft, so ist es nicht mehr der Holocaust, der über ihren Köpfen schwebt, sondern der anschwellende, schlimme Antisemitismus von links und rechts. Oft ist der Antisemitismus als Anti-Israelis getarnt, und Israel wird dämonisiert, wodurch den Juden das Recht auf nationale Selbstbestimmung genommen wird. Zum Schluss noch ein Wort zu den neuen Israeli-Deutschen. In meinem Buch "Israelis in Berlin" und in mehreren Folgeartikeln im Laufe der Jahre habe ich angedeutet, dass Israelis nun auch Teil des deutschen Lebens sind, mit ihren eigenen Erinnerungssträngen und einzigartigen Geschichten. Obwohl sie nur selten Teil der organisierten jüdischen Gemeinden sind, müssen sie berücksichtigt werden. Als Israeli bin ich nicht besorgt über diese Auswanderung; ich bin fasziniert von den neuen israelischen und hebräischen Fingerabdrücken auf Kunst und Kultur in Deutschland. Und ja, dazu gehören auch israelische Musiker, die in Bayreuth spielen. Das ist weit mehr als ein sehr zivilisierter Akt der Rache; es ist ein neues Kapitel im zweiten Jahrtausend deutsch-jüdischer Kreativität.

Über Prof. Dr Fania Oz-Salzberger: 

Die Hauptrednerin war Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger. Sie wurde 1960 in Israel als älteste Tochter von Amos und Nily Oz geboren. Nach dem Studium der Geschichte und Philosophie an den Universitäten Tel Aviv und Oxford war sie drei Jahre lang Fellow des Wolfson College in Oxford. Ihre Doktorarbeit wurde als Buch von der Oxford University Press unter dem Titel „Translating the Enlightenment“ veröffentlicht, eine bahnbrechende Studie über den Übergang politischer Ideen zwischen den Sprachen. Nach Israel zurückgekehrt, lehren sie und ihr Ehemann, Prof. Eli Salzberger, der auch in Bayreuth eine Gastvorlesung hielt, an der Universität Haifa. Oz-Salzberger ist seit Oktober 2020 Professor Emerita. Neben anderen internationalen Positionen war Oz-Salzberger 1999-2000 Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin (wo sie ihr Buch "Israelis in Berlin" schrieb), hatte fünf Jahre lang den Liberman-Lehrstuhl für Israel-Studien an der Monash University in Melbourne inne und war 2009-2010 als Research Fellow und Laurance S. Rockefeller Visiting Professor for Distinguished Teaching an der Princeton University. Neben vielen anderen Gastprofessuren unterrichtete sie 2018 gemeinsam mit ihrem Mann am Jewish Studies Department der LMU in München. Fania Oz-Salzbergers drittes Buch, "Jews and Words", wurde gemeinsam mit ihrem Vater, dem verstorbenen israelischen Schriftsteller Amos Oz, verfasst.


Mehr zur App:

Im Laufe des Sommersemesters 2021 haben Studierende der Universität Bayreuth multimediale Inhalte zu jüdischem Leben und jüdischer Kultur entwickelt, zu virtuell angeleiteten Rundgängen durch die Stadt Bayreuth anregen und so jüdisches Leben und jüdische Kultur erlebbar machen. Neben einem virtuellen Rundgang durch die Synagoge und die Mikwe, und Drohnenaufnahmen vom Jüdischen Friedhof entstanden kurze Hörspielsequenzen, die die Geschichte der Menschen, die in Bayreuth gelebt haben, besser vorstellbar machen. Auch virtuelle Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Persönlichkeiten aus Bayreuth sind geplant. Mehr dazu und zu allen Formaten und Vermittlungskanälen innerhalb der Reihe „Jüdisches Leben in Bayreuth“: https://www.juedisches-leben.uni-bayreuth.de/de/index.html


Kontakt:

Angela Danner
Leitung Corporate Identity
Stabsabteilung Presse, Marketing und Kommunikation
Universität Bayreuth
Tel.: +49 (0) 921 / 55-5323
E-Mail: angela.danner@uni-bayreuth.de 

Redaktion:

Anja-Maria Meister
Pressesprecherin
Universität Bayreuth
Tel.: +49 (0) 921 / 55-5300
E-Mail: anja.meister@uni-bayreuth.de
www.uni-bayreuth.de

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