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Expertin der Universität Bayreuth: Kunst und Kultur müssen trotz Corona-Krise allen zugänglich sein

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Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 075/2020 vom 14.05.2020

Das Iwalewahaus der Universität Bayreuth beschreitet digitale Wege, um einen Zugang zur Kultur auch mit Ausgangsbeschränkungen aufrecht zu erhalten. Dr. Katharina Fink, stellvertretende Leiterin und Kuratorin am Iwalewahaus, berichtet im Interview von den Herausforderungen für Künstler und Künstlerinnen in der Pandemie. Fink sieht darin auch große Chancen und sagt: „Als öffentliche Einrichtung sind wir der Öffentlichkeit, die schlagartig größer wurde, verpflichtet.“  

Dr. Katharina Fink, stv. Leiterin und Kuratorin am Iwalewahaus der Universität Bayreuth iconZoomOverlay

Leere Museen, geschlossene Theater und Konzertsäle, frustrierte Menschen zuhause …seit dieser Woche dürfen die Menschen zumindest wieder ins Museum.

Ja, wir lernen gerade, welche Privilegien wir sonst genießen, wie exklusiv unsere kulturelle Welt ist, die wir oft als so offen und zugänglich beschreiben. Denn so, wie jetzt gerade uns, geht es vielen Leuten ständig: Kultur ist eben nicht immer für alle zugänglich, sondern unverständlich, teuer oder unerreichbar. Jetzt lernen wir, dass Kunst und Kulturangebote eben nicht selbstverständlich sind. Das zu ändern, ist eine wichtige Aufgabe.

Sind die Sofortmaßnahmen des Staates eine echte Hilfe?

Es entstehen dennoch vor allem für die Künstler*innen massive Probleme: Durch wegbrechende Aufträge, durch abgesagte Ausstellungen etc. Den Museen fehlen die Besucher*innen. Den Zeitungen gehen die Anzeigenkunden verloren - und die Abonnent*innen. Wir müssen die kulturelle Landschaft, die wir schätzen, jetzt auch privat mit allen Mitteln stärken, lokal und global: dadurch, dass wir Restaurant-Gutscheine verschenken und zum Beispiel die lokalen Buchbinder-Gewerbe unterstützen. Auch dadurch, dass man Mitglied in Freundeskreisen für Museen wird - das Iwalewahaus hat auch einen. Institutionell gesprochen bedeutet das: alternative Formen für abgesprochene Projekte finden. Wir müssen nun als Institutionen Partner*innen für Künstler*innen und Kulturschaffende sein. Das Wort, das unseren Beruf beschreibt, „Kuration”, beinhaltet das ja: sich kümmern um, Sorge tragen für – das gilt für Objekte und Werke, für Häuser und Institutionen, vor allem aber auch für Menschen und unsere Beziehungen.

Was heißt das konkret?

Wir müssen dafür sorgen, dass Honorare schnell und problemlos gezahlt werden, dass gemeinsame Projekte auch zunächst digital gesteuert und umgesetzt werden können, dass alles weitergeht und zwar besser und gerechter. Da haben wir mit unserem internationalen Ansatz einiges an Erfahrung, spätestens jetzt muss aber auch die Infrastruktur dafür stimmen. Wir können jetzt von Institutionen lernen, die sich permanent in einem von uns als „Ausnahme” beschriebenen Zustand befinden. In Palästina zum Beispiel in Sachen versperrte Zugänge. In Südafrika zum Beispiel in Sachen überteuertes und damit für viele Menschen schwer zugängliches Internet. Gleichzeitig dürfen wir - das haben wir in den letzten Wochen gelernt - nicht dem digitalen Hype erliegen. Manche Dinge, die den Zauber unserer Arbeit ausmachen, kann man nicht digital umsetzen. Sie brauchen uns als Menschen mit ganz unterschiedlich ausgeprägten Sinnen, brauchen uns in einem atmenden Raum.

Welche grundsätzlichen Herausforderungen muss das Iwalewahaus bewältigen?

Wir sind verantwortlich dafür, dass die Ausstellungen, Werke, die Sammlungen und Forschungs-Projekte sichtbar werden. Als öffentliche Einrichtung sind wir der Öffentlichkeit, die jetzt schlagartig größer wurde, verpflichtet. Und natürlich müssen wir am Iwalewahaus Konzepte erarbeiten, wie wir den Einlass regulieren, Mindestabstände ausweisen und verstärkte hygienische Maßnahmen ergreifen

Wie bewerkstelligen Sie die digitalen Herausforderungen?

Nachdem ich diese Fragen beantwortet habe, steht zum Beispiel ein Video-Chat mit der Künstlerin Stacey Gillian Abe und meinen Kolleginnen Lena Naumann und Felicia Nitsche an: Wie können wir eine Ausstellung gestalten, wenn die Produktion in Kampala, wo Stacey Gillian Abe zu Hause ist, stillsteht, und das Reisen nicht möglich ist? Wir haben da viele Ideen. Zum ersten Mal präsentieren wir unsere Sommer-Ausstellungen digital: mit der App “Artivive”. Bis zur Präsentation teilen wir in regelmäßigen Abständen digitale Einblicke in unsere Arbeit über unsere Plattformen auf Facebook, Vimeo und Instagram. Einige davon sind live, andere nicht. Auch der Internationale Museumstag am 17.5. wird digital stattfinden. Hier kommt uns der ohnehin prozessorientierte Ansatz des Iwalewahaus zu Gute: Wir machen jetzt eben digitales “Labor”. Die Leitmotive Archiv - Kunst - Utopie sind auch hierbei richtungsweisend. Und auch hier können wir von afrikanischen Partner*innen lernen, in deren Institutionen die Digitalisierung schon viel länger eine bedeutsame Rolle in Sachen Zugänglichkeit spielt. Hier ergeben sich enorm viele neue Chancen für die Vertiefungen der Zusammenarbeit. Wir wollen ja nicht zurück zum Zustand vor der Krise, sondern besser werden: in unserer Arbeit und unseren Beziehungen. 

Wird sich die Kunstrezeption der Menschen verändern? Wie? 

Wir sehen jetzt schon, dass das Interesse an digitalen Formaten enorm ist, sich vor allem aber etwas entwickelt, dass ich als blended art experiences beschreiben würde: tolle Mischformen von digital und analog, in denen Menschen durch Kunst angeregt Memes erzeugen, den Kunst-Kanon durch Nachstellung im Lockdown ironisieren - und Plattformen mit viel mehr Verve und Selbstbewusstsein für sich und ihre Arbeit nutzen. Diese Mischformen werden auch die digitale Müdigkeit, die sicher einsetzen wird, überstehen. All das aber geht aber von einer privilegierten Situation aus - die zum Zugang zum Internet und einer Grundversorgung mit Daten, die nicht für alle Menschen Realität ist. Hier müssen wir sehr vorsichtig sein, um nicht alte Ausgrenzung fortzuschreiben - oder neue Ausgrenzung als Innovation zu feiern. 

Kommen da nicht auch sinnliche Kunsterfahrungen zu kurz?

Die sinnliche Erfahrung, wird ein Revival erleben, da bin ich sicher. Wir träumen ja jetzt schon davon, etwas berühren zu können. Gemeinsam mit Unbekannten etwas zu bestaunen. Dass wieder überraschende Begegnungen bei einer Ausstellung möglich sind. Zu riechen, zu fühlen, zu sehen, zu hören. Zu schmecken. Einer unser kommenden Residenzkünstler, wann immer dies möglich sein wird, Sanza Sandile, arbeitet in seinem kuratierten Dinner-Begegnungen mit panafrikanischen Geschmacksexperimenten: https://www.yeovilledinnerclub.com/ - um Misstrauen und Vorurteile erst gar nicht aufkommen zu lassen. Robert Machiri, auf dessen „sonic research“ in unserem Musik-Archiv wir uns freuen, lädt zu diskursiven Sessions, Pungwe, die DJ-Ereignisse, Vortrag und Diskussion, sind. Auf solche sinnlichen Feste können wir uns freuen, sie schon fast fühlen. Wann genau wir sie wieder erleben, werden wir sehen.

Welche Veränderungen erwarten Sie in der Kunstdarbietung und -vermittlung?

Für Kuration und Vermittlung sind jetzt neue Wege gefragt. Auf denen sind wir ja bereits unterwegs gewesen - aber oft eher vorsichtigen Schrittes. Die Kuration muss jetzt mutig und visionär sein - vor allem mutig. Und sich auch mal der Forderung nach schnellen Lösungen widersetzen und darauf beharren, dass wir nicht immer liefern können. Es geht ja um einiges, eigentlich alles: Kunst ist immer auch Überlebens-Kunst, sie nimmt Katastrophen und Revolutionen vorweg, sie kann heilen, durch Erlebnisse inspirieren und Weltbilder mittels ihrer poetischen Kraft völlig ändern. Und gerade geht es, im konkreten und im übertragenen Sinne ums Weiter-Leben: Wie können Museen sinnvolle, sinnliche Erfahrungen bereithalten, beglückende Momente in bewegten Zeiten stiften, anregend sein? Wie können wir unsere oben beschriebenen Kernqualitäten in diese Zeit übertragen, sie auch verteidigen? Es ist auch eine gute Zeit um einzugestehen, dass wir Hilfe brauchen. Und dass wichtige Museumstechniker*innen jetzt nicht nur die großartigen Schreiner*innen sind, sondern auch die Daten-Architekt*innen.

Ihr persönlicher Wunsch?

Mir geht es auch um unsere Student*innen von überall her: Sie sind jetzt in einer schwierigen Situation, oft weit weg von Zuhause, vielleicht in Sorge um ihre Familien und können unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung nun mehr gebrauchen denn je. Auch hier hilft die Kombination von Ästhetik und Solidarität. Das Wichtigste ist, all diese Prozesse im Sinne dessen, was unser*e Künstler*in in Residence und ethische*r Berater*in Goldendean als #radicalsharing beschreibt: Die Sorgen teilen, die Desorientierung teilen, das Suchen nach Lösungen gemeinsam gestalten. Das ist Teilen und Kümmern im Sinne eines zeitgemäßen, zukunftsorientierten Verständnisses von Kuration. Ich hoffe, dass wir das gut hinbekommen.

Info:

Das Iwalewahaus macht die nächste Ausstellung „Sommerlabor“ digital erlebbar. Sie umfasst mehrere Projekte, darunter fünf eigenständige Ausstellungsbereiche: Stacey Gillian Abe, Odins Gesang, Life Classes, Enchasing Yoruba und Hidden Persuaders. Die Kurator*innen des Iwalewahauses sind dafür mit einem Kameramann durch das „Sommerlabor“ gegangen und haben ein- bis zweiminütige Sequenzen zu den Kunstwerken und Künstler*innen zusammengestellt. Diese werden sichtbar, wenn man mit der augmented reality App von ARTIVIVE das Plakat zur Ausstellung betrachtet. Normalerweise wird diese Technik in Museen selbst angewendet und sorgt dort für Aha- Effekte. Weil aber die momentane Situation den Besuch im Haus nur bedingt zulässt, kommt die Kunst nach draußen. Damit der museale Plakat-Besuch nicht langweilig wird, sorgen in regelmäßigen Abständen neue Sequenzen für Abwechslung. Auch der Internationale Museumstag am 17.5. wird am Iwalewahaus digital stattfinden.

Links:

https://www.facebook.com/Iwalewahaus/
instagram.com/iwalewahaus
https://vimeo.com/iwalewahaus
www.freundeskreisiwalewahaus.com
Zur Arbeit von Sanza Sandile: https://www.yeovilledinnerclub.com/
Zur Arbeit von Robert Machiri: https://savvy-contemporary.com/en/events/2019/untraining-the-ear-listening-session-pungwe/

Kontakt:

Dr. Katharina Fink
Stv. Leiterin Iwalewahaus der Universität Bayreuth
Wölfelstr. 2
95444 Bayreuth
Telefon: +49 (0)921 / 55-5433
E-Mail: katharina.fink@uni-bayreuth.de


Redaktion:

Anja-Maria Meister
Pressesprecherin
Universität Bayreuth
Tel.: + 49 (0) 921 55 - 5300
Mail: anja.meister@uni-bayreuth.de

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