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Expertenmeinung zu den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise auf die Schwellen- und Entwicklungsländer

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Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 045/2020 vom 26.03.2020

Prof. Dr. David Stadelmann hat den Lehrstuhl für Entwicklungsökonomie inne und ist Mitglied des Exzellenzclusters „Afrika Multiple“ an der Universität Bayreuth. Er beschäftigt sich insbesondere mit Fragestellungen zu Wirtschaftswachstum, ökonomischer Entwicklung und politischer Ökonomie. Aus seiner Sicht trifft die Corona-Pandemie aufgrund der Altersstruktur die hochentwickelten Industrienationen wohl härter als die Entwicklungsländer, könnte dort aber von drängenden Problemen ablenken und manche verstärken.

Prof. Dr. David Stadel-mann hat den Lehrstuhl für Entwicklungsökonomie der Universität Bayreuth inne.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Entwicklungs- und Schwellenländer aus Ihrer Sicht?

Weil die Wirtschaftsleistung pro Einwohner zahlreicher Entwicklungsländer bei einem Bruchteil der Wirtschaftsleistung von Industrieländern liegt, stehen dort viel weniger finanzielle und technische Ressourcen für das Gesundheitssystem zur Verfügung. Das ist ein großes Problem. Wie wir unlängst belegen konnten, ist Wirtschaftsleistung ein zentraler Faktor für das Gesundheitsniveau eines Landes. Die Corona-Pandemie wird die Länder sehr hart treffen aber vermutlich trotzdem relativ weniger hart als die reichen.

Warum?

Insbesondere ältere Personen scheinen von COVID-19 besonders gefährdet. Aufgrund einer leider immer noch deutlich niedrigeren Lebenserwartung, einer hohen Fertilität und einem daraus resultierenden kleineren Anteil älterer Personen in der Bevölkerung, könnte die Pandemie relativ weniger Personen im globalen Süden negativ treffen als hierzulande. Natürlich mangelt aber es seit Jahren massiv an Ressourcen im Gesundheitswesen und Menschen können daher nur beschränkt in Krankenhäusern behandelt werden. Genau weil finanzielle Ressourcen sehr knapp sind, ist es zentral, darauf zu achten, dass Zielkonflikte bei ihrem Einsatz möglichst gut gelöst werden. Sprich: Der notwendige Kampf gegen Corona sollte möglichst nicht zu einer Vernachlässigung anderer Probleme und anderer Krankheiten führen.

Sie fürchten also, dass Corona andere Probleme zum Beispiel auf dem afrikanischen Kontinent verdrängt? Welche?

Viele Bürger in Afrika leiden unter Krankheiten, die zahlreiche Tote fordern und zu anderen schweren sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen führen, die für uns in Europa weniger relevant sind. Alleine Malaria fordert mehrere 100.000 Tote jährlich und betrifft vor allem Kinder. Potentielle Ausgangsbeschränkungen können insbesondere die Armen besonders hart treffen, denn sie müssten eigentlich täglich hart ihr Auskommen erarbeiten. Die sekundären Effekte der Pandemie aufgrund der gesetzten Maßnahmen könnten also in Afrika eine zentralere Rolle spielen als die direkten gesundheitlichen Konsequenzen aufgrund von COVID-19. Viele Bürger in Afrika leiden auch unter den durch die Kolonialisierung mitverursachten schlechten politischen Rahmenbedingungen. Sprich: Die Regierenden stellen die Interessen und Bedürfnisse der Bürger nicht in den Mittelpunkt ihres Handelns. Es könnte durchaus sein, dass manche Herrschenden nun sogar versucht sind, die wenigen seit 1990 erreichten Demokratisierungsprozesse im Zuge notweniger Einschränkungen zur Bekämpfung von Corona dauerhaft zurückzudrehen. Wenn das passieren würde, wären die gesamtgesellschaftlichen Folgen sehr schlimm.

Wenn aber in den Industrieländern die Produktion heruntergefahren wird, dann hat das sicher ökonomische Auswirkungen auf die Länder, die am Anfang der Produktionskette stehen. Was erwarten Sie diesbezüglich für den globalen Süden?

Das betrifft insbesondere die Schwellenländer, die systematisch und stark in unsere Produktion mitintegriert sind. Natürlich wird durch die Einschränkung der Produktion bei uns auch dort die Produktion für einige Zeit zurückgefahren werden. Gleichzeitig scheint es so zu sein, als ob in China die Produktion bereits wieder hochgefahren wird. Das bedeutet auch, dass wir uns etwas weniger Sorgen über Versorgungsengpässe machen müssen. Für viele afrikanische Länder ist das alles etwas weniger relevant. Sie sind nicht so stark wie asiatische Länder in weltweite Produktionsketten integriert.

Erwarten Sie, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie vergleichbar mit 2008 oder schlimmer sind?

Das hoch entwickelte Südkorea scheint zu zeigen, dass ein funktionierendes Gemeinwesen mit solchen Krisen umgehen kann, ohne extrem massive Einschränkungen wie teilweise in China durchsetzen zu müssen. Auch die meisten europäischen Länder und die USA verfügen über solide Grundstrukturen. Natürlich bricht derzeit die Wirtschaftsaktivität ein, weil restriktive Maßnahmen implementiert sind. Aber ich gehe noch davon aus, dass dies ein zeitlich beschränktes Phänomen ist. Die Übergangsphase ist nun zu bewältigen. Menschen, die bereits immun gegen Corona sind, werden eine zentrale Rolle spielen, die Pandemie und die Folgen zu überwinden. Trotzdem dürften die wirtschaftlichen Konsequenzen schwerwiegender sein als in 2008. Hoffnung gibt, dass die Struktur unserer Wirtschaft und die grundsätzlichen die Rahmenbedingungen wie Eigentumsrechte oder Rechtsstaatlichkeit vorläufig noch unverändert sind.

Viele nehmen diese Pandemie nun zum Anlass, Globalisierung und weltweiten Handel grundsätzlich in Frage zu stellen? Ist das berechtigt?

Nein. Eher das Gegenteil sollte der Fall. Globalisierung und Handel haben systematisch zu unserem enormen Wohlstand beigetragen. Deshalb können wir uns eine viel bessere Gesundheitsversorgung besser leisten, als die Länder des globalen Südens, die weit weniger im Weltmarkt integriert sind. So dürfte es für uns auch keine zentrale Rolle spielen, in welchem Land die ersten funktionierenden Behandlungen gegen COVID-19 gefunden werden, weil wir uns dank unserer wirtschaftlichen Stärke diese Behandlungen leisten können und wollen. Ebenfalls ist es fast völlig egal, ob in den USA, Großbritannien oder Frankreich in Zukunft ein Impfstoff gefunden wird. Dank unserer Offenheit profitieren wir von den Innovationen anderen und können deren Erfindungen und Gesundheitsprodukte importieren. Ähnlich profitieren alle anderen, wenn in der deutschen Pharmaindustrie Medikamente gegen COVID-19 entwickelt werden. Wer wirklich sozial sein will, sollte nach Entwicklung auf die Einnahmen aus Lizenzgebühren und ähnlichem verzichten. Darüber hinaus wäre es sogar denkbar, dass wir bei einem schweren Notstand in Gesundheitsbereich in Deutschland wenigstens teilweise bereits immune Pflegekräfte aus China oder sogar Italien einsetzen könnten, u.a. weil wir doch gute wirtschaftliche Beziehungen zu diesen Ländern pflegen.

Müssten als Lehre aus diesen Auswirkungen Märkte im Moment stärker reguliert werden oder freier werden?

Infektionskrankheiten haben immer gesamtgesellschaftliche Problemlösungsstrategien erfordert. Unternehmen können diese Lösungen unterstützen. Je mehr wirtschaftliche Ressourcen wir zur Verfügung haben, desto besser können wir zukünftige Krisen angehen. Genau deshalb war es so wichtig, trotz wirtschaftlich guter Zeiten in der Vergangenheit die Staatsausgaben im Griff zu halten – das Geld ist jetzt in der Krise vorhanden und kann verwendet werden. Ein flexible und freie Soziale Marktwirtschaft ist ein sehr verlässlicher Lieferant von Wohlstand den damit einhergehenden positiven Entwicklungen im Gesundheitsbereich aber auch in andere Bereichen. So erleichtert uns die enorme technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte das Leben selbst in Quarantäne, gesellschaftlich, sozial und ökonomisch.

Inwiefern?

Wir sollten zwar vorläufig die direkten sozialen Kontakte auf das nötigste reduzieren, aber dank enormer Entwicklung von Telekommunikationstechnologien und digitaler sozialer Netze, können viele ins Homeoffice gehen. Dadurch können Teile der Wirtschaft und Verwaltung weiterhin arbeiten, während die Infektionskurve abflacht. Und wir können unsere Liebsten und ältere Menschen weiterhin digital hören und sogar sehen und damit sogar psychologisch unterstützen. Vor nur 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Kontakt:

Prof. Dr. David Stadelmann
Inhaber des Lehrstuhls für Entwicklungsökonomie
Universitätsstraße 30
95447 Bayreuth
Tel: +49 (0) 921/ 55- 6077
Mail: david.stadelmann@uni-bayreuth.de

Links:

  • https://www.entwicklung.uni-bayreuth.de/en/team/david-stadelmann

Redaktion:

Anja-Maria Meister
Pressesprecherin
Universität Bayreuth
Tel.: + 49 (0) 921 55 - 5300
Mail: anja.meister@uni-bayreuth.de

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