Druckansicht der Internetadresse:

Seite drucken

Jugendlichkeitswahn und Autonomie im Alter – Bayreuther Studie zu Seniorengenossenschaften

zurück zu Pressemeldungen


Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 046/2019 vom 26. April 2019

„Autonomie“ ist der wichtigste Beweggrund für Senioren, sich in einer Seniorengenossenschaft zusammen zu tun. Dies ist eine Erkenntnis der Untersuchung des Bayreuther Soziologen Prof. Dr. Georg Kamphausen und Studierender der Universität Bayreuth, die jetzt vorgestellt wurde. Im Rahmen des Forschungsprojekts zur Soziologie der Nachbarschaft wurden drei Seniorengenossenschaften in Oberfranken untersucht, um deren wachsende Beliebtheit zu ergründen.

Eine Studie der Universität Bayreuth untersucht Seniorengenossenschaften – Zusammenschlüsse von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen – als Antwort auf den demografischen Wandel.

Die Gründung der Bayreuther Seniorengenossenschaft J.A.Z. (Jung und Alt Zusammen) vor etwa einem Jahr war für den Bayreuther Soziologen Prof. Dr. Georg Kamphausen und Studierende der Universität Bayreuth Anlass, ein Forschungsprojekt zur Soziologie der Nachbarschaft dem Thema „Seniorengenossenschaften“ zu widmen.

Seniorengenossenschaften sind Zusammenschlüsse von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen möchten, damit ihre Mitglieder möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld verbleiben können. Sie vermitteln generationenübergreifende Dienste und Hilfeleistungen in der Nachbarschaft, beim Einkaufen, für die Begleitung zum Arzt, die gemeinsame Nutzung kultureller Angebote oder die Bereitstellung von Wohnraum gegen Hilfe im Alltag.

Dem Forschungsprojekt ging es vor allem darum, die verzweigte Motivstruktur der Mitglieder aufzudecken und die sozialstrukturellen Gründe für den Erfolg der Seniorengenossenschaften zu beschreiben. Drei Seniorengenossenschaften wurden dafür ausgewählt: JAZ (Bayreuth, inzwischen etwa 400 Mitglieder), sowie die Seniorengemeinschaften in Kronach (über 900 Mitglieder) und Lichtenfels (350 Mitglieder).

Seit den 1990er Jahren gibt es einen regelrechten „Boom“ von Genossenschaftsgründungen (nicht nur, aber eben auch von Seniorengenossenschaften). Zum einen natürlich als Folge des demografischen Wandels: Die Menschen werden nicht nur älter, ihre Renten- oder Pensionsphase dauert auch deutlich länger als früher. Im Unterschied zu früheren Generationen gibt es vor allem für die „jungen Alten“ so etwas wie eine Zukunft im Älterwerden. Der Blick auf diese Zukunft geht aber mit gesellschaftlichen Trends einher, die das eigene Handeln zur Gestaltung dieser Zukunft erschweren. Vor allem die zunehmende De-Familiarisierung (Geburtenrückgang, Mobilität der Kinder, die nicht mehr am eigenen Wohnort leben, die Notwendigkeit, für das eigene Älterwerden Vorsorge zu treffen, die Erfahrung der eigenen Funktionslosigkeit und damit verbunden das wachsende Bedürfnis nach Anerkennung und sozialer Integration etc.) trägt dazu bei.

In sozialer Hinsicht entspricht die Zusammensetzung der Seniorengenossenschaften fast genau dem Durchschnitt der Bevölkerung, wobei der Anteil der besser ausgebildeten und finanziell bessergestellten Personen etwas höher ist. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwas mehr als 70 Jahren, wobei der Anteil der Jüngeren in den drei Genossenschaften stark variiert. Die nächsten Familienangehörigen wohnen oft weit entfernt, so dass ein regelmäßiger Kontakt oft nur noch über das Telefon möglich ist. Mitglieder unter 75 Jahren halten diese „Autonomie“ beider Seiten (jeder schaut nach sich selbst) für selbstverständlich; im höheren Alter wird diese Sicht oft durch die Ergänzungsbedürftigkeit ergänzt.

Was die nachgefragten Leistungen betrifft, stehen Mobilitätshilfen, Gartenarbeiten und Haushaltshilfen im Vordergrund. Konflikte mit den Wohlfahrtsverbänden gibt es schon deshalb nicht, weil pflegerische Leistungen von den meisten Seniorengenossenschaften nicht angeboten werden, obwohl 75 Prozent aller ambulant gepflegten Personen zu Hause von Familienangehörigen versorgt werden. Der sozialpolitische Blick auf die Seniorengenossenschaften wird durch das Konzept des „bürgerschaftlichen Engagements“ und des „aktivierenden Alters“ bestimmt; man ist bemüht, deren Leistungen als ergänzende, nicht als die bestehende Struktur ersetzende Aktivitäten einzuordnen.

„Ob der Wohlfahrtsstaat der Zukunft angesichts des dramatischen demografischen Wandels alle an ihn herangetragenen Funktionen erfüllen kann, ist allerdings mehr als fraglich“, sagt der Soziologe Prof. Dr. Georg Kamphausen, „denn wer von der wachsenden Zahl älterer Menschen spricht, darf von der Situation der jüngeren Generation nicht schweigen. Zu offensichtlich sind auch hier die sozialpolitischen Verwerfungen.“ Er nennt späten Berufseintritt, späte Familiengründung und Geburt des ersten Kindes, hohe Mobilität und Scheidungsrate.

Die Studie hat auch ergeben: Seniorengenossenschaften sind keine „Patchwork-Nachbarschaften“ und schon gar kein Familienersatz. „Wer genauer hinsieht, wird schnell merken, dass es hier auch um andere, grundlegende Fragen geht: Was ist der Sinn von Arbeit und welche Arbeit macht Sinn? Wie viel Professionalisierung braucht eine Gesellschaft? Ist die Zukunftsorientierung unserer Wachstumsgesellschaft (Jugendlichkeitswahn) auf eine immer älter werdende Gesellschaft übertragbar? Was bedeutet „berufliche Mobilität“ und welche Auswirkungen hat sie für die Familie, den Generationenzusammenhang, die Wohnungssituation, unsere Konsumgewohnheiten?“, so Kamphausen. Er resümiert: „Wirkliche Antworten auf all diese Fragen sind nur schwer zu geben.“


Kontakt:

Prof. Dr. Georg Kamphausen
Politische Soziologie
Kulturwissenschaftliche Fakultät
Universität Bayreuth
Universitätsstraße 30 / GW II
95447 Bayreuth
Telefon: 0921 / 55-4205
E-Mail: georg.kamphausen@uni-bayreuth.de
www.soziologie.uni-bayreuth.de



Redaktion:

Brigitte Kohlberg
Stv. Pressesprecherin – Hochschulkommunikation
Marketing Communications
Stabsabteilung Presse, Marketing und Kommunikation
Universität Bayreuth
Universitätsstraße 30 / ZUV
95447 Bayreuth
Telefon: 0921 / 55-5357 oder -5324
E-Mail: pressestelle@uni-bayreuth.de
www.uni-bayreuth.de/de/universitaet/presse
 

Facebook Twitter Youtube-Kanal Instagram Blog Kontakt