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Ein neues Kapitel der Afrikaforschung: ​Interview mit dem Sprecherduo des neuen Exzellenzclusters der Afrikastudien an der Universität Bayreuth

Prof. Dr. Rüdiger Seesemann (R.S.) ist Inhaber des Lehrstuhls für Islamwissenschaft, Prof. Dr. Ute Fendler (U.F.) ist Inhaberin des Lehrstuhls für Romanische Literaturwissenschaft und Komparatistik unter besonderer Berücksichtigung Afrikas. Die Fragen stellte Christian Wißler, Wissenschaftskommunikation Universität Bayreuth.

Zunächst einmal ganz herzliche Glückwünsche zur Bewilligung des Exzellenzclusters „Africa Multiple“. Das erklärte Ziel des Clusters ist die Neugestaltung der Afrikastudien. Was ist darunter genau zu verstehen, und weshalb ist aus Ihrer Sicht eine solche Neugestaltung, vielleicht könnte man sogar sagen: Neubegründung der Afrikastudien, erforderlich?

R.S.: Vielen Dank! Das ist natürlich ein fantastisches Ergebnis für die Universität Bayreuth. Wir als Antragstellerinnen und Antragsteller freuen uns besonders, dass wir nun beginnen können, unsere Agenda für die Afrikastudien umzusetzen. Die angestrebte Neugestaltung bezieht sich auf mehrere Ebenen: Zum einen möchten wir das Credo der Bayreuther Afrikastudien, „Forschung über Afrika nur mit Afrika“, weiter ausbauen. Dies tun wir, indem wir in Afrika vier „African Cluster Centers“ gründen und dadurch neue Formen der Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnerinstitutionen entwickeln. Diese Zentren sollen afrikanischen Kolleginnen und Kollegen mehr Freiräume für ihre eigene Forschung schaffen und ihnen Gelegenheit geben, die Cluster-Agenda maßgeblich mitzugestalten. Zum anderen wollen wir die Bayreuther Afrikaforschung auf eine breitere disziplinäre Basis stellen – vor allem dadurch, dass wir die rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fächer und die Ingenieurwissenschaften stärker mit einbeziehen. Durch die Arbeit an konkreten Forschungsprojekten wollen wir gemeinsam transdisziplinäre Synergien erzielen. Es geht dabei um neue Perspektiven mit und für den afrikanischen Kontinent, aber auch seine Diasporen, also die in anderen Erdteilen lebenden Menschen mit afrikanischen Wurzeln.

U.F.: Den Kern des Clusters bildet das sogenannte „Knowledge Lab“. Hier kommen alle Beteiligten regelmäßig zusammen, um die gemeinsame Arbeit an Theorien und Methoden voranzutreiben und die Voraussetzungen unserer Wissensproduktion zu reflektieren. Zu den innovativen Elementen des Clusters zählt auch der Aufbau einer digitalen Forschungsumgebung, die die angestrebten Synergien sowohl im Verhältnis der Disziplinen untereinander als auch zwischen Bayreuth und den Cluster-Zentren in Afrika unterstützen soll. Den konzeptionellen Rahmen für diese Maßnahmen bildet unser Ansatz, dass Afrika als multipel aufzufassen ist: Afrika ist weder einheitlich noch isoliert, sondern wurde und wird stets durch seine in ständigem Wandel begriffenen Beziehungen und globalen Verflechtungen konstituiert. Es würde zu weit führen, dies als Neubegründung der Afrikastudien zu bezeichnen. Unser Ziel ist es, dieses Forschungsfeld konzeptionell und strukturell neu auszurichten, um neue Antworten auf die wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Herausforderungen der Afrikaforschung geben zu können.

Wie können die Forschungsansätze, die im Cluster unter den Leitbegriffen „Multiplizität“, „Relationalität“ und „Reflexivität“ entwickelt und realisiert werden sollen, die problemorientierte und anwendungsbezogene Forschung über Afrika befruchten – zum Beispiel wenn es um Themen zu Wirtschaft, Governance, Medien, Demografie oder Klimawandel in Afrika geht?

U.F.: In erster Linie dienen die theoretischen Konzepte des Clusters dazu, neue und transdisziplinäre Forschungsansätze in enger Zusammenarbeit mit unseren afrikanischen Partnerinstitutionen zu entwickeln. Wenn wir von „Multiplizität“ sprechen, meinen wir damit nicht allein die Vielfalt Afrikas. Wir wollen mit diesem Konzept, im Sinne von „Vielheit“, auch die Gleichzeitigkeit heterogener und sich gegenseitig beeinflussender Lebenswelten erfassen, die wir in Afrika und seinen Diasporen vorfinden. Der Begriff der „Relationalität“ betont hingegen die komplexen Prozesse des Sich-Beziehens und In-Beziehung-Setzens, aus denen sich Afrika immer wieder neu konstituiert. Dieser Forschungsansatz eröffnet eine veränderte Sicht auf afrikanische Lebenswelten, die über gängige Einteilungen wie „Nord-Süd“, „global-lokal“ oder „modern-traditionell“ hinausgeht. Dabei rücken auch die Beziehungen Afrikas zu Europa, Asien sowie zu Süd- und Mittelamerika in den Fokus. „Reflexivität“ – der dritte Schlüsselbegriff unseres Clusters – meint einerseits den Umstand, dass relationale Prozesse stets auch reflexiven Charakter haben, also durch stete Rück- und Querbezüge die Beziehungen beeinflussen und prägen. Andererseits geht es um die Notwendigkeit, den Forschungsprozess selbst zu reflektieren: Als Afrika-Forscherinnen und -Forscher müssen wir die Prämissen und theoretischen Modelle, die unsere Forschung leiten, permanent kritisch hinterfragen. Dies gilt gerade auch in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen in Afrika und anderen Weltregionen.

Vor diesem Hintergrund ermöglichen die drei Kernbegriffe „Multiplizität“, „Relationalität“ und „Reflexivität“ ein genaueres und tieferes Verständnis afrikanischer und afrikanisch-diasporischer Lebenswelten. Sie lassen daher auch neue Erkenntnisse zu den Themenbereichen erwarten, die Sie in Ihrer Frage genannt haben. Es geht also weniger um unmittelbar anwendungsbezogene Forschung, sondern primär um Grundlagenforschung, die die Verflechtungen kultureller, sprachlicher, sozialer, religiöser, politischer, ökonomischer und ökologischer Prozesse herausarbeitet. Eben dadurch lassen sich diese Prozesse besser analysieren und verständlich machen. Daraus können im Einzelfall in der Tat konkrete Problemlösungen hervorgehen.

Lassen Sie uns nochmals den Aspekt der Reflexivität aufgreifen. Die grundsätzlichen wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Reflexionen betreffen nicht zuletzt auch kulturell geprägte Voraussetzungen, die die „forschenden Akteure“ mitbringen und in ihre wissenschaftliche Arbeit einbringen. Sehen Sie in dieser engen Verknüpfung von praktizierter Wissenschaft und methodisch bewusster Reflexion über Wissenschaft ein Vorbild für künftige sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung – ein Paradigma, das über den Bereich der Afrikastudien weit hinausreichen könnte?

R.S.: Wir haben unser Konzept der Reflexivität primär vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen in der Forschung zu Afrika entwickelt. In den Kultur- und Sozialwissenschaften sind selbstreflexive Ansätze schon seit mehreren Jahrzehnten diskutiert und praktiziert worden; die Debatte ist also schon älter. Dennoch stellt sich die Frage der Reflexivität im Kontext der Afrikaforschung mit besonderer Dringlichkeit. Denn diese Forschung ist in Machtstrukturen eingebettet, die kolonialen Ursprungs sind. Es gilt also nicht nur, unsere Position als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Forschungsprozess zu reflektieren, sondern auch ungleiche Machtverhältnisse zu berücksichtigen. Als wir unseren Clusterantrag vorbereitet und mit Kolleginnen und Kollegen von außerhalb diskutiert haben, kam öfters die Frage auf, ob unser konzeptioneller Ansatz nur für die Afrikaforschung oder auch darüber hinaus fruchtbar gemacht werden kann. Obwohl wir, wie erwähnt, zunächst von Afrika her gedacht haben, hat sich in diesen Diskussionen etwas Wichtiges gezeigt: Die Kombination unserer Schlüsselbegriffe, also der „Dreiklang“ multipel-relational-reflexiv, hat das Potenzial, die sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung insgesamt zu befruchten. Dies gilt übrigens auch für unsere Arbeitsformate, die darauf ausgerichtet sind, durch innovative digitale Lösungen neue Dimensionen der Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen zu erschließen.

Die herausragende Rolle, die das Thema „Digitalisierung“ im Cluster spielen wird, ist sicherlich neu und außergewöhnlich. Es geht dabei nicht nur um den Aufbau einer virtuellen Forschungsumgebung, sondern vor allem auch um die künftige Nutzung der Digitalisierung für die wissenschaftliche Praxis. Inwiefern ist der Cluster „Africa Multiple“ in dieser Hinsicht ein Pilotprojekt?

R.S.: Digitalisierung ist ja derzeit in aller Munde. Dennoch werden darunter ganz unterschiedliche Dinge verstanden. Für den Bereich der interdisziplinären Afrikaforschung bedeutet dies, systematisch den Übergang vom analogen zum digitalen Arbeiten zu gestalten. In einzelnen Disziplinen wird bereits sehr viel oder überwiegend mit digitalen Daten gearbeitet, in anderen weniger. Hinzu kommt die große Bandbreite der anfallenden Daten: In der Klimaforschung werden ganz andere Daten erhoben als beispielsweise in der Ökonomie; diese unterscheiden sich wiederum von den Datenformaten, mit denen etwa in den Sprach- oder Literaturwissenschaften gearbeitet wird. Unser Ziel besteht darin, alle im Rahmen des Clusters erhobenen Daten in einer „Knowledge Cloud“ abzulegen und durch systematisches Tagging der gemeinsamen Nutzung zugänglich zu machen; natürlich unter sorgfältigem Schutz sensibler Daten. Damit entstehen Verbindungen zwischen Daten und Forschungsfeldern, die auf analoger Basis kaum oder gar nicht sichtbar würden. So können die verschiedenen Disziplinen sich in viel stärkerem Maß gegenseitig befruchten, als es unter analogen Voraussetzungen möglich wäre. Hier spielen auch Fragen der Wissensproduktion, der Kategorisierung von Wissen und des lokalen Wissens eine Rolle.

U.F.: Damit wir die enormen technischen und personellen Anforderungen für diese digitalen Arbeitsformen bewältigen können, stehen im Budget des Clusters sowie von Seiten der Universität entsprechende Mittel bereit. Diese wollen wir auch dafür einsetzen, die virtuelle Kommunikation zwischen den am Cluster beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Bayreuth, in Afrika und an weiteren Standorten zu gewährleisten. Am Aufbau der erforderlichen Infrastruktur sind das Institut für Angewandte Informatik, das IT-Servicezentrum und die Universitätsbibliothek beteiligt. Wir sind diesen Einrichtungen sowie dem Vizepräsidenten für Informationstechnologie, Professor Torsten Eymann, zu großem Dank verpflichtet, dass sie dieses Pilotprojekt mit entwickeln und unterstützen.

Sie haben eingangs auf das Credo „Forschung über Afrika nur mit Afrika“ verwiesen. Dies war auch das Motto der Graduiertenschule BIGSAS, die nun in den Exzellenzcluster der Afrikastudien integriert wird. Wie sorgen Sie dafür, dass dieses Motto im Bereich des digitalen Arbeitens auch unter den Vorzeichen ungleicher technischer Voraussetzungen umgesetzt wird? Welche konkreten Maßnahmen wird der Cluster ergreifen, um diesen Grundsatz mit innovativen Ideen weiter zu entwickeln?

R.S.: Wer mit offenen Augen in Afrika unterwegs ist, kann leicht feststellen, dass digitale Medien dort bereits in allen Bevölkerungsgruppen vielfach genutzt werden. In weiten Teilen Ostafrikas sind digitale Zahlungsmethoden viel weiter verbreitet als bei uns. Insofern ist es eine Fehlannahme, dass Afrika von der Digitalisierung abgekoppelt sei. Die IT-Ausstattung an afrikanischen Universitäten ist vielleicht nicht überall auf dem letzten Stand, aber wir sehen gute Voraussetzungen, um unsere afrikanischen Partnerinstitutionen in die digitale Forschungsumgebung des Clusters zu integrieren. Einige sind auch federführend in neuen Technologien. Hier zählen wir auf zukünftige Kooperationen auch mit Partnerinstitutionen in Amerika oder Asien. Auf dieser Grundlage werden virtuelle Kommunikation und die gemeinsame Nutzung unserer Repositorien gewährleistet. Mit der Einrichtung der „African Cluster Centres“ wollen wir neue Bedingungen sowohl für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Afrika als auch für gemeinsame - auch globale - Forschungen schaffen. Indem wir den Reflexionsprozess über unsere Forschungen gemeinsam über disziplinäre und kontinentale Grenzen hinweg führen – sei es in kollaborativen Projekten, in Workshops und Konferenzen, in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, oder in virtueller Kommunikation –, erwarten wir wichtige Anstöße für die wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Neuausrichtung der Afrikastudien.

Einige der besonderen Aufgaben der „African Cluster Centres“ haben Sie bereits benannt. Welche inhaltlichen Fragen werden dort in der Forschung zunächst im Zentrum stehen? Sind die „ACCs“ offen für alle disziplinären oder interdisziplinären Fragestellungen zu Afrika, oder gibt es thematische „Filter“, die bestimmten Forschungsfragen einen Vorrang einräumen?

U.F.: Wir befinden uns derzeit noch in der Phase der Auswahl der „African Cluster Centres“. Dabei sind wir besonders an Institutionen interessiert, die dazu beitragen, Brücken zwischen den Disziplinen zu schlagen und die Sprachgrenzen in Afrika zu überwinden. Hinsichtlich der disziplinären Zusammensetzung der „African Cluster Centres“ haben wir keine festen Vorgaben. Entscheidend ist für uns das Potenzial für inter- und transdisziplinäre Synergien, die wir mithilfe unseres theoretischen Rahmens erzeugen wollen. Für den Clusterantrag haben wir sechs thematische Bereiche ausgewählt, die in sogenannten „Research Sections“ von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 15 Fächern bearbeitet werden. Diese sind: Moralities, Knowledges, Arts & Aesthetics, Mobilities, Affiliations und Learning. Die Forschung in den „African Cluster Centres“ muss sich jedoch nicht auf diese Bereiche beschränken. Dieses neuartige Format der Forschungszusammenarbeit ist ja gerade darauf ausgerichtet, für afrikanische Kolleginnen und Kolleginnen die nötigen Freiräume zu schaffen, damit neue Impulse für die Afrikaforschung jeweils vor Ort entstehen und sich damit neue Themen und Methoden entwickeln können . Denn was uns in Bayreuth thematisch und theoretisch als wichtig erscheint, deckt sich womöglich nicht mit den Prioritäten der Partnerinstitutionen in Afrika. Daher arbeiten wir gemeinsam daran, dass sich deren Potenziale in unserem neuen Forschungsnetzwerk voll entfalten können und damit die Ausrichtung der Afrikastudien mitbestimmen.

Prof. Dr. Rüdiger Seesemann und Prof. Dr. Ute Fendler, das Sprecher-Duo des neuen Clusters, mit Prof. Dr. Stefan Leible, Präsident der Universität Bayreuth

Die Bayreuther Afrikastudien haben in den letzten Jahrzehnten ein dichtes Netz internationaler Partnerschaften in Forschung und Lehre geschaffen – nicht zuletzt die BIGSAS mit ihren Partneruniversitäten. Wie wird diese Internationalität im neuen Cluster genutzt und weiterentwickelt?

R.S.: In der Tat ist die Internationalisierung einer der Schwerpunkte des Bayreuther Profilfelds „Afrikastudien“. Derzeit unterhält die Universität Bayreuth mit 30 afrikanischen Universitäten ein Memorandum of Understanding. Die enge Kooperation mit den sechs Partneruniversitäten der BIGSAS soll unter dem Dach des Clusters weiter fortgesetzt werden, insbesondere im Bereich der Rekrutierung und Ausbildung von Doktorandinnen und Doktoranden. Den Grundpfeiler der Internationalisierungsstrategie des Clusters werden die „African Cluster Centres“ bilden. Zudem wird der Cluster eine Reihe strategischer Partnerschaften pflegen, die teils schon heute in der Internationalisierungsstrategie der Universität Bayreuth eine wichtige Rolle spielen. Hierzu zählen das ‚Program of African Studies‘ an der Indiana University in Bloomington/USA, das Centre Les Afriques dans le Monde in Bordeaux, das Centro de Estudos Afro-Orientais an der Universidade Federal da Bahia in Brasilien, der Council for the Development of Social Science Research in Africa mit Sitz in Dakar sowie das Forschungszentrum Point Sud in Bamako und Frankfurt.. Das Ziel ist der Aufbau eines globalen Forschungsnetzwerks mit regelmäßigem wissenschaftlichem Austausch und gemeinsamen Tagungen und Publikationen. Diesen Prozess haben wir bereits im Dezember 2017 begonnen, als die Leiterinnen und Leiter von 20 Zentren der Afrikaforschung aus allen fünf Kontinenten zur Konferenz „African Studies – Multiple and Relational“ nach Bayreuth kamen.

Eine Besonderheit in Bayreuth ist das Iwalewahaus mit seiner herausragenden Sammlung afrikanischer Gegenwartskunst und seinen langjährigen Kontakten zu afrikanischen Künstlerinnen und Künstlern. Wird der Exzellenzcluster bestrebt sein, neue Brücken zwischen Wissenschaft und Kunst zu schlagen, wird er möglicherweise auch die Kunst als Medium für neue Erkenntnisse über Afrika nutzen?

U.F.: Das Iwalewahaus ist als Ort für die Präsentation, Dokumentation, Erforschung und Produktion afrikanischer und afrikanisch-diasporischer Kunst auch für den Cluster von zentraler Bedeutung. Schon in der Vergangenheit hat das Iwalewahaus Pionierarbeit bei der Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst geleistet, zuletzt maßgeblich in Zusammenarbeit mit der Bayreuth Academy of Advanced African Studies, die 2012 mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eröffnet wurde. Die Academy wird ebenso wie die Graduiertenschule BIGSAS in den Cluster integriert und unter anderem unsere lokalen, nationalen und internationalen Fellows beherbergen. Das Fellow-Programm der Academy ist explizit so konzipiert, dass auch Künstlerinnen und Künstler zu längeren Residenzen nach Bayreuth eingeladen werden.

Bewährte Arbeitsformen unter Leitung oder Beteiligung des Iwalewahauses werden im Cluster weiterentwickelt. Dazu zählen etwa die transdisziplinären Ausstellungsformate oder die Entwicklung forschungsbasierter Zugänge zum Archiv, aber auch die in der Bayreuth Academy angesiedelte Veranstaltungsreihe „Conversations“, die Wissenschaft, Kunst und die interessierte Öffentlichkeit bei Diskussionen und künstlerischen Vorführungen zusammenbringt. Das „Knowledge Lab“, der intellektuelle Kern unseres Clusters, bietet Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, sich forschend einzubringen und ebenso wie andere, nicht in der Wissenschaft tätige Personen zu unseren transdisziplinären Debatten und zur Weiterentwicklung von Methoden beizutragen. Im Rahmen der „Research Section“ zu Kunst und Ästhetik werden Künstlerinnen und Künstler mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einem Laboratorium für transmediale Forschung zusammenarbeiten und einen „Digital Art Space“ aufbauen. Synergien von Wissenschaft und Kunst bleiben also weiterhin ein Markenzeichen der Bayreuther Afrikaforschung und werden zukünftig noch stärker gefördert.

In den letzten Jahren hat sich in der Wissenschaftspolitik, aber auch in den Universitäten immer stärker die Überzeugung durchgesetzt, dass Hochschulen nicht allein der Forschung und der Lehre dienen, sondern überdies eine „third mission“ haben – oder zumindest haben sollten. Hierbei geht es um ein gezieltes, proaktives Engagement auf verschiedenen Feldern von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Wie würden Sie die „third mission“ des Exzellenzclusters umschreiben?

U.F.: Auch in diesem Bereich können wir an umfangreiche Vorarbeiten anschließen, die unter dem Dach unseres Instituts für Afrikastudien geleistet wurden. Alle Bayreuther Einrichtungen der Afrikaforschung haben wichtige Impulse für Wissenschaftskommunikation und „Outreach“ gegeben. Vor allem BIGSAS hat hier eine Vorreiterrolle gespielt, etwa durch das BIGSAS-Literaturfestival, den BIGSAS-Journalistenpreis, den Einsatz sozialer Medien oder mit den Programmen BIGSAS@School und BIGSAS in Town. Zu nennen ist hier auch das jährlich in Bayreuth stattfindende Cinema Africa Festival. Im Cluster werden diese Aktivitäten unter dem Stichwort „Public Engagement“ weiterlaufen und ausgebaut. Wir planen, eine professionelle Wissenschaftsjournalistin bzw. einen Wissenschaftsjournalisten einzustellen, um den Ideen- und Wissenstransfer in außerwissenschaftliche Kreise weiter zu stärken. Neben traditionellen Printmedien kommen dabei unter Anbindung an die digitale Forschungsumgebung des Clusters auch soziale Medien und Online-Formate wie Blogs und Podcasts zum Einsatz. Ein laufendes Programm der Bayreuth Academy, das Lern- und Lehrmaterialien in Form von Online-Ressourcen für Schulen bereitstellt, soll ebenso wie die BIGSAS-Programme in den Cluster überführt werden. Ausstellungen, kulturelle Events und interaktive Online-Formate werden den Austausch mit der interessierten Öffentlichkeit weiter voranbringen. Für Gruppen und Institutionen, die an spezifischer Afrika-Expertise interessiert sind, stellt der Cluster gesonderte Angebote bereit. Dies betrifft in Bayreuth insbesondere das Zentrum für Lehrerbildung und die Campus-Akademie an der Universität.

R.S.: Auf bayerischer Ebene erfolgt Afrika-bezogener Wissenstransfer bereits jetzt über das Bavarian Research Institute for African Studies, kurz BRIAS. Dies ist ein Netzwerk, in dem sich die Universität Bayreuth mit drei weiteren bayerischen Hochschulen zusammengeschlossen hat. Wie die bisherige Erfahrung des Instituts für Afrikastudien zeigt, wird auch in der Politikberatung, in der Entwicklungszusammenarbeit und bei Wirtschaftsunternehmen Nachfrage nach der gebündelten Afrika-Kompetenz des Clusters bestehen. Anders als manche andere kultur- oder geisteswissenschaftlich geprägten Verbünde, die sich mit Wissenstransfer eher schwer tun, sind wir für die „Third Mission“ sehr gut aufgestellt.

Es ist ein Riesenerfolg für die Universität Bayreuth, dass sie diesen Exzellenzcluster erhält. Die Freude über die heutige Nachricht ist überall auf dem Campus groß. Deshalb eine persönliche Frage: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an den baldigen Start des neuen Clusters denken?

R.S.: Jetzt freuen wir uns erst einmal darauf, die Bewilligung gebührend zu feiern. Danach werden wir die nötigen Schritte einleiten, um den Cluster zum Starttermin am 1. Januar 2019 zum Laufen zu bringen. Besonders freuen wir uns über die Gelegenheit, alsbald neue Kolleginnen und Kollegen nach Bayreuth berufen zu können, die unsere Forschungslandschaft bereichern werden – so die neue Professur für Wissenschaftstheorie mit Schwerpunkt Afrika, eine Juniorprofessur im Bereich der Digital Humanities sowie vier Nachwuchsgruppen, darunter eine mit dem Schwerpunkt Intersektionalität. Und generell freuen wir uns sehr, dass wir ein neues Kapitel der Afrikaforschung aufschlagen können. Dies verdanken wir unserem hervorragenden Team und der steten Unterstützung durch die Hochschulleitung und das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Wir haben jetzt die einmalige Chance, nicht nur die Afrikaforschung neu zu gestalten, sondern auch am Aufbau der Universität der Zukunft mitzuwirken.

Verantwortlich für die Redaktion: Tanja Heinlein

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