Bayreuther Forum Kirche und Universität
Professor Dr. Arnold Zingerle, Universität Bayreuth
Thesen zu einer Tagung des Bayreuther Forum Kirche und Universität am 28. April 2005 unter dem Leitthema:
"Der Arbeitsmarkt in Deutschland - und die Folgen für die Gesellschaft"
1.
"Arbeitslosigkeit" bezieht sich auf eine wirtschaftliche und soziale Realität - als statistische Größe ist sie jedoch politisch definiert und administriert, dazu medial manipuliert. Aufklärende Kritik tut hier not, und auf dieser Basis Auseinandersetzung zwischen allen Beteiligten.
2.
Wie von den Arbeitslosen, so wird von der Gesellschaft insgesamt verlangt, daß sie - bedingt durch Faktoren wie: demographischen Wandel, technologische Entwicklung, globale Märkte - Abschied nimmt von einem historischen Ausnahmezustand: eine wahrscheinlich nie mehr erreichbare Höhe des Wohlstandniveaus.
3.
Vor diesem Hintergrund ist "Hartz IV" zu sehen, nl. ein "in Paragraphen gefaßtes neues Denken über die Motive menschlichen Handelns, die Ursachen der Arbeitslosigkeit und darüber, wann der Staat seine Bürger unterstützen soll und wann sie sich selbst helfen müssen" (DIE ZEIT, 30.12.2004).
4.
Neben der Frage, wie Arbeitsplätze geschaffen werden können, müßte - weithin unterschätzt - auch die Frage nach den Grenzen des vom "neuen Kapitalismus" verlangten "flexiblen Menschen" (R. Sennett) gestellt werden. Diese Grenzen geraten erst in den Blick mit der umfassenden Wirksamkeit der Flexibilisierung in der sachlichen, persönlich-sozialen, zeitlichen und räumlichen Dimension.
5.
Zu den gesellschaftlichen Zusammenhängen, mit denen das Problem der Arbeitslosigkeit verflochten ist, zählt der hinter dem Schlagwort "Kapitalismus" steckende "Ökonomismus", dessen Menschen- und Gesellschaftsbild und nicht zuletzt dessen negative Auffassung von Politik und Staat: der ideologische Glaube, daß sämtliche außerwirtschaftliche Probleme am besten durch den Markt und auf ihn bezogene rationale Handlungsweisen gelöst werden können.
6.
Die Kirchen sind wie keine andere gesellschaftliche Institution in der Lage, inmitten des Widerstreits der Interessen und Werte, der pluralistische Gesellschaften kennzeichnet, klare moralische Leitlinien für gesellschaftspolitische Probleme anzubieten. Eine zentrale Position ist dabei die Balance zwischen "Solidarität" und "Subsidiarität".
7.
Daher: in der gegenwärtigen, besonders durch die Lage auf dem Arbeitsmarkt angestoßenen Diskussion, die auf das Wirtschafts- und Sozialwort von EKD und Bischofskonferenz (1997) folgte, zeigen sich problematische Aspekte gerade dort, wo man von jener zentralen Position abweicht und Subsidiarität auf Kosten von Solidarität hervorhebt.

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